Mönchengladbach

Passant oder Samariter

Ein sozialethischer Blick auf die Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus.

Papst Franziskus
Papst Franziskus wendet sich an alle Menschen guten Willens. Foto: Luca Zennaro (ANSA/epa)

Um es gleich frank und frei vorweg zu sagen: Die neue Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus macht es dem Leser nicht leicht. Zu unsystematisch und zu weitschweifig sind die Überlegungen, zu hölzern und bisweilen schier unverständlich die bislang vorliegende deutsche Übersetzung. Es ist mühsam, die Goldkörner in dem aufgestapelten Heuhaufen der Enzyklika, die der Papst selbst ausdrücklich als „Sozialenzyklika“ verstanden wissen will, zu finden, aber es ist möglich.

Unternimmt man den Versuch und beginnt man eine ohne Zweifel langwierige und zuweilen mühsame Lektüre, dann macht man in der Tat überraschende und bereichernde Entdeckungen. Um einen Text theologischer oder sozialethischer Systematik handelt es sich eher nicht, auch nicht um eine Sozialenzyklika gewohnter Präzision und unangreifbarer Argumentation, vielmehr um einen geistlichen Text, eine Betrachtung zum christlichen Menschenbild, allerdings mit zum Teil überraschend konkreten und unvermutet daherkommenden sozialethischen und wirtschaftsethischen Anregungen.

Spiritualität der Geschwisterlichkeit

Bei der Lektüre können drei kurze Hinweise helfen: Das Schlüsselwort zum ganzen Text ist, unvermittelt in Nr. 165 benannt, eine „Spiritualität der Geschwisterlichkeit“, die freilich nach fester Überzeugung des Papstes Hand in Hand gehen muss mit einer „weltweiten wirksameren Organisation zur Lösung der drängenden Probleme der Verlassenen, die in den ärmeren Ländern leiden und sterben“. Aber der Weg geht eben von einer Spiritualität hin zu einer Sozial- und Wirtschaftsethik, von der individuellen Tugend zu den öffentlichen Institutionen, von der klassischen Tugendethik hin zur modernen Institutionenethik, augustinisch gesprochen: vom Innen zum Außen, vom inneren Marktplatz zum äußeren Marktplatz, vom Gewissen zur Gesetzgebung. Das ist gut katholisch und nicht neu und dennoch ganz modern: Der Staat und die Wirtschaft leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen können. Will heißen: Gesetze und Institutionen, also der Staat und alle seine sozialen und wirtschaftlichen Einrichtungen und Vorschriften, sind so gut wie die Menschen, die sie erstens ausdenken und zweitens am Leben und frei von Korruption erhalten.

Jeder Sozialstaat und jedes Wirtschaftsleben braucht eine Art von Spiritualität, weniger hochtrabend gesagt: eine Geisteshaltung, die zugrunde liegt. Für den Papst und die katholische Soziallehre ist das die sogenannte „Geschwisterlichkeit“. Johannes Paul II. hätte es vermutlich Personalismus genannt, und Pius XI. Solidarismus. Und beide hätten gesagt: Der Mensch nach christlichem Verständnis ist weder einfach individuelle Monade oder selbstgenügsame Auster oder sich selbst bestäubender Sanddornstrauch, noch auch einfach arbeitsame Ameise oder konsumierendes Kaninchen oder sozialverträgliches Herdenschaf, sondern – irgend etwas dazwischen. Individuum und soziales Lebewesen. Person eben mit unverwechselbarem Angesicht und Charakter, angewiesen immer und ständig auf die anderen Personen und zugleich verantwortlich für sie. Der Mensch lebt in Personalität und Solidarität. Das Christentum nennt das: Ebenbild Gottes. Des dreifaltigen Gottes, nebenbei bemerkt, also eines Gottes, der in Beziehung der Liebe lebt.

Die Goldenen Regeln der Hochkulturen

Diesem Schlüsselwort der Geschwisterlichkeit und der gegenseitigen Fürsorge entspricht dann folgerichtig der Schlüsseltext, nämlich das neutestamentliche Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium, das wie ein musikalisches Leitmotiv immer wieder anklingt. Ab der Nr. 56 findet sich die eigentliche päpstliche Interpretation der Gleichniserzählung Jesu: Mit der Tradition der Kirchenväter bis hin zu Benedikt XVI. wird das Gleichnis gelesen als Antwort auf die alttestamentliche Erzählung von Kain und Abel, die unmittelbar im Buch Genesis auf die Erzählung von der Erschaffung des Menschen und von seinem Sündenfall folgt und sozusagen die traumatische Urerfahrung der Menschheit bis hin zu Auschwitz und Srebrenica widerspiegelt. Nämlich dass der Mensch in der Lage ist, anders als beispielsweise der Wolf, dem Mitmenschen, ja dem eigenen Bruder ungehemmt an die Gurgel und ans Lebensrecht zu gehen, ihn zu töten, zu berauben, zu belügen und zu vergewaltigen.

Weswegen die vier Grundgebote „Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen und nicht ehebrechen“ nicht nur den Kern des jüdischen Dekaloges und der jesuanischen Bergpredigt bilden, sondern überhaupt das Wesen der Goldenen Regel in allen Hochkulturen ausmachen: „Handle so, wie auch du behandelt werden möchtest!“ Der Papst weist ausdrücklich darauf hin, auch weil sich seine Enzyklika keineswegs einfach nur an Katholiken oder Christen wendet, sondern an alle Menschen guten Willens – womit indirekt behauptet ist, dass alle Menschen im geistigen Normalzustand in ihrem Gewissen ansprechbar sind auf das Gute und auf Solidarität. Von da bis zur Liebe ist freilich noch ein langer und steiniger Weg, den die Enzyklika manchmal vielleicht etwas zu blauäugig abzukürzen scheint, so als wenn alle Menschen dem unbedingten Gebot der universalen Nächstenliebe zustimmen könnten oder wollten.

Gott liebt die Menschen

Denn immerhin liebt ja auch der Christ die Mitmenschen (über den engeren Freundeskreis hinaus) nicht wegen deren subjektiv empfundenen Liebenswürdigkeit, sondern wegen der von Gott objektiv verliehenen Liebenswürdigkeit. Einfacher ausgedrückt: Wir lieben die Mitmenschen nicht wie unsere Freunde, sondern wie unsere Geschwister, die wir lieben, weil die Eltern sie lieben mit der gleichen Liebe, wie sie uns lieben. Gott liebt jeden Menschen in unermesslicher Weise, und die, die Gott lieben, müssen daher logisch und konsequent auch die lieben, die er liebt. Daraus freilich erwächst sofort die Frage, der die Enzyklika leider elegant ausweicht: Ist eine universale Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe eigentlich letztlich ohne Gott und den Glauben an seine Liebe möglich? Das Christentum sagt deutlich: Nein, und leitet daraus die Notwendigkeit der Mission ab. Ungleich sanfter formuliert die Enzyklika: „Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmherziger Samariter zu sein oder gleichgültiger Passant…“ (Nr. 69)

Und schließlich entspricht diesen beiden Schlüsseln zum Verständnis der Enzyklika der immer wieder im Text auftauchende und wechselnd benannte Erbfeind des christlichen Menschenbildes: Das „technokratische Paradigma“ (Nr. 165) soll vehement kritisiert werden, mithin ein individualistischer und liberalistischer Konsumismus und Materialismus. Das ist seit der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. 1891 bis heute nicht neu und auch nicht mehr besonders originell, und muss doch immer wieder unterstrichen werden: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, schon gar nicht vom selbstgenügsamen Konsum, sondern von der Erfahrung geschenkter und empfangener Liebe. Diese aber kann ein unregulierter Markt neoliberaler Denkungsart überhaupt nicht zum Ziel haben, und auch eine Soziale Marktwirtschaft nur ansatzweise in den Blick nehmen, aber doch zumindest ansatzweise beginnen. Denn wie schon der hl. Augustinus in seiner Auslegung zur Erzählung von Kain und Abel scharfsichtig bemerkte: Der Staat schützt den Abel zwar vor dem Totschlag des Kain, nicht aber vor dessen Hass. Denn das Glück des Abel bestünde ja nicht darin, von Kain nicht erschlagen, sondern von ihm geliebt zu werden. Das aber können Staat und Wirtschaft nur erhoffen, nicht erzwingen. Und genau deswegen braucht es das Christentum und die Kirche und Enzykliken wie diese.

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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