Sozialethik

Nass gegen den Strom

Christlich begründete Positionen sind in ethischen Debatten zunehmend in der Minderheit. Das neue Buch von Elmar Nass eröffnet einen zeitgemäßen Blick auf die Christlichen Sozialethik.

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Die christliche Sozialethik kann wie ein Navi-Gerät funktionieren: Sie gibt Orientierung. Foto: dpa

Wir leben in Deutschland in einer inzwischen stark pluralisierten und in weiten Teilen säkularisierten Gesellschaft. Das führt dazu, dass genuin christlich begründete Positionen in ethischen Debatten immer häufiger in der Minderheit und in der Defensive sind. Man denke nur an die aktuelle politische Diskussion zum sogenannten „assistierten Suizid“. Eine theologische Ethik, die in diesem Kontext mitreden möchte, wählt deshalb heutzutage oft den Weg, nicht die eigene Theologizität und das spezifisch Christliche zu betonen, sondern auf eine „reine“ Vernunft-Argumentation zu setzen, die auch im säkularen Diskurs nachvollziehbar und anschlussfähig ist: etsi deus non daretur – „als ob es Gott nicht gäbe“, wie es in einer auf den niederländischen Juristen und Theologen Hugo Grotius (1583–1645) zurückgehenden Formel heißt. Dieser Ansatz hat einige Argumente auf seiner Seite, auch genuin theologische. Im evangelischen Bereich war es Paul Tillich, im katholischen Raum waren es Franz Böckle und Alfons Auer, die vor mehr als fünfzig Jahren der sittlichen Autonomie des Menschen auch in der theologischen Ethik mit der Begründung der „theonomen Autonomie“ den gebührenden Platz verschafft haben.

Es gibt Gott

Aber auch wer die Autonomie der Moral heute nicht mehr in Zweifel ziehen mag, kann durchaus die Frage stellen, ob theologische Ethik etwas unterscheidend Anderes gegenüber säkularen Ethiken zu bieten hat. Elmar Nass, frisch berufener Professor für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“. Er kehrt die von Grotius formulierte Prämisse um und beginnt sein hier vorgestelltes Buch unter der Voraussetzung: „,Stell Dir vor, es gibt Gott‘. Dieses Wertefundament für den Orientierungskompass wird weder aus- noch eingeklammert“ (S. 20).

Damit schwimmt Nass in erfrischender Weise gegen den Strom. Und deshalb möchte er sein Werk auch nicht als klassisches Lehrbuch christlicher Sozialethik verstanden wissen. Es geht ihm vielmehr darum, dem zumindest im deutschen Sprachraum vorherrschenden Paradigma theologischer Ethik einen alternativen Entwurf entgegenzustellen, der seine christlichen Voraussetzungen ausdrücklich profiliert und diese zum Ausgangspunkt bei der Beantwortung von Fragen der Angewandten Ethik macht.

Substanzielle Christliche Sozialethik

Für diesen Ansatz führt der Autor das Argument ins Feld, dass „auch nicht-religiöse Sozialethiken […] mit nicht bewiesenen Postulaten“ beginnen (S. 21). Das Programm einer Letztbegründung im rationalistischen Sinne ist tatsächlich auch auf dem Feld der Ethik obsolet geworden. Über zwei der berühmtesten Entwürfe zeitgenössischer philosophischer Sozialethik – diejenigen von John Rawls und Jürgen Habermas – hat Wolfgang Kersting einmal sehr treffend geschrieben: „Der Rawlssche Urzustand ist wie der Habermas'sche Diskurs ein Festival normativer Vorurteile.“ Was also spricht dagegen, wenn Elmar Nass einer „substanziellen christlichen Sozialethik“ das Wort redet, die „mit diesem Selbstbewusstsein neben andere, ebenso profilierte Alternativen“ tritt (S. 21)?

Jenseits des normativen Humanismus

Dagegen spricht gar nichts, zumindest dann nicht, wenn christliche Sozialethik aus dieser Positionalität heraus den Dialog mit den anderen Theorien und Meinungen sucht, um im demokratischen Miteinander zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen. Und genau das fordert auch Nass. Den ersten Teil seines Buches, überschrieben „Der Auftrag“, widmet er der Begründung und Entfaltung des theologischen Propriums christlicher Sozialethik. Im zweiten Teil mit dem Titel „Der Dialog“ sucht er dann den Austausch mit anderen sozialethischen Entwürfen hinsichtlich Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Gute Anknüpfungspunkte sieht er nicht nur bei einer jüdisch begründeten theologischen Ethik, sondern auch bei Ansätzen islamischer Theologie. Gleiches gilt für Entwürfe eines „normativen Humanismus jenseits der Theologie“.

Am schwersten tut sich Nass, Gemeinsamkeiten mit verschiedenen Theorien zu finden, die er unter dem Begriff von „Ethik jenseits des normativen Humanismus“ einordnet. In diesem Abschnitt finden sich manche Thesen, über die der Rezensent durchaus in die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Autor treten würde, insbesondere wenn es um die überraschend kritische Darstellung von System- und Diskurstheorie geht.

Angewandte Sozialethik

Der dritte Teil, „Zur Anwendung“, der mehr als die Hälfte des Buches umfasst, widmet sich verschiedenen Feldern Angewandter Sozialethik, die nach dem klassischen Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ dargestellt und diskutiert werden. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf wirtschaftsethischen Fragestellungen, aber es kommen auch zahlreiche andere Themen wie Friedensethik, Bildungsethik, Führungs- und Organisationskultur zur Sprache. Mit beeindruckender Konsequenz stellt sich Nass dabei der Aufgabe, den eigenen systematischen Anspruch einzulösen, diese Themen aus einer christlichen Werthaltung heraus zu erörtern und orientierende Antworten zu formulieren.

„Elmar Nass' Buch ist ein wichtiger Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über das Proprium theologischer Sozialethik.“

Der gegen den Strich gebürstete Ansatz von Elmar Nass, seinen Entwurf christlicher Sozialethik dezidiert theologisch zu profilieren, ist mutig in einem akademischen Kontext, der Originalität nicht immer belohnt. Aus Sicht des Rezensenten hat sich dieser Mut allemal gelohnt. Elmar Nass' Buch ist ein wichtiger Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über das Proprium theologischer Sozialethik.

Der Autor ist stellvertretender Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Elmar Nass: Christliche Sozialethik. Orientierung, die Menschen (wieder) gewinnt. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2020, 382 Seiten, ISBN 978-317037-056-2, EUR 39,00.

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