Düsseldorf

Mario Ohoven: Der Glaube war sein A und O

Die schillernde Persönlichkeit des deutschen Mittelstandes starb jetzt durch einem Autounfall. Wir blicken auf sein Leben, in dem der Glaube eine Kraftquelle für ihn war.

Mittelstandspräsident Mario Ohoven stirbt bei Verkehrsunfall
Mario Ohoven (1946–2020) war eine kräftige Stimme für den deutschen Mittelstand. Foto: dpa

Menschen werden oft, simplifizierend wie ignorant, auf einen Satz reduziert. „Ich muss dann mal weg.“ Diese Szene bei Stefan Raab in TV Total am 3. April 2001 machte ihn berühmt. Ebenso berühmt wurde Mario Ohoven durch seine Frau Ute, UNESCO-Sonderbotschafterin. Sein in den USA lebender Sohn Michael holte als Filmproduzent einen Oscar. Aber diese Oberflächlichkeiten, die in den Medien kursieren, tun ihm unrecht: Mario Ohoven war die Stimme des deutschen Mittelstands, die nun verstummt ist. Er lebte den Mittelstand. Der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Ohoven kam am Wochenende bei einem Verkehrsunfall ums Leben, mit seinem Bentley auf der Autobahn. Im Oktober 2001 wurde er mit dem „Oscar des deutschen Mittelstandes“ ausgezeichnet, zudem wurde er mit dem deutschen Mittelstandspreis „Kustos des mittelständischen Unternehmertums“ geehrt.

Auf Tuchfühlung mit den Mächtigen

„Die Kirche wäre gut beraten, wenn sie auf Imagetransfer setzen würde.“ Mario Ohoven

Der 1946 geborene gelernte Anlageberater war seit 1998 Präsident des auf freiwilliger Mitgliedschaft beruhenden Wirtschaftsverbandes, der als „Ohoven-Verband“ firmierte. Als Autodidakt war er auf Tuchfühlung mit den Mächtigen. Davon zeugten die Fotogalerie in seinem Büro am Potsdamer Platz. Auch Papst Johannes Paul II. ist dort vertreten. In einem Interview von 2007 nahm er zur Bedeutung des christlichen Glaubens Stellung: „Ohne Glauben geht fast nichts. Aus diesem Grund ist der Glaube für mich das A und O. Ich bin Christ und stehe dazu. Man muss aber auch sehen, je besser eine Wirtschaft läuft, desto weniger spielt der Glaube eine Rolle. Im gleichen Augenblick, in dem die Wirtschaft nicht läuft, wo es Kriege gibt und so weiter und so fort, flüchten die Leute wieder in ihren Glauben. Die Kirche wäre gut beraten, wenn sie auf Egomarketing, also Imagetransfer setzen würde. Professionell angepackt, würde dies die Kirchen wieder voll machen.“ Immer suchte der „Verkäufer“ den Kontakt mit der Kirche. Der Verband etwa organisierte 2015 eine Veranstaltung mit Bischof Rudolf Voderholzer in Regensburg.

Mario Ohoven war eine Kämpfernatur mit Ecken und Kanten. Er war auch ein gläubiger Mensch, der stets spürte, wenn etwas nicht stimmte, sich sofort Zeit nahm, wenn er merkte, dass jemand ein Ohr zum Zuhören brauchte, und der bei allem, was er machte, mit ganzem Herzen dabei war.

Der Lobbyist der Berliner Republik

Ohoven, ein Autodidakt, schrieb sein Buch über „Die Magie des Powerselling“, das in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Verkauf ist Handwerk, Power-Selling dagegen ist eine Kunst, heißt es da. Als Stückeschreiber, Regisseur und Darsteller in einer Person inszenierte der Power-Seller täglich seine Erfolge auf der Verkaufsbühne. Er müsse eine gefestigte Persönlichkeit sein, kein Scharlatan. Auf Tuchfühlung war er stets mit den Großen der Politik, die ihn für seine Aura bewunderten. Ohoven war „der“ Lobbyist in der Berliner Republik. Als Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister amtierte, war Ohoven bei Auslandsreisen dabei. Kaum jemand in der Politik kam an ihm vorbei. Selbst Gregor Gysi war im Politischen Beirat des Verbands präsent. Allein Angela Merkel scheute den Kontakt.

Das Handelsblatt bezeichnete ihn als „Scheinriesen“, da sich sein Verband zum zentralen Organ des Mittelstands machte und dabei mit Mitgliederzahlen und Einfluss jonglierte. Immerhin amtierten als operative Chefs des Verbands unscheinbare Ex-Politiker, Wolfgang Reinhart, mittlerweile CDU-Fraktionsvorsitzender in Baden-Württemberg, sowie Roland Wöller, mittlerweile Innenminister von Sachsen. Ohoven, der jede Woche von Düsseldorf nach Berlin einflog und die Welt bereiste, kaufte sie nebenpolitisch als Lobbyisten ein, nahm sie in jeder Sitzung auf die Hörner und bezeichnete sie als Professoren. In seinen wöchentlichen Meetings erklärte er stundenlang die wirtschaftliche Lage Deutschlands und der Welt. Ein Familienunternehmen: Mitarbeiter kanzelte er ab, ebenso seine Verbandsvertreter. Die Fluktuationen waren dementsprechend immens.

Die Realverkörperung der Boss-Attitüde

Publikationen des Verbands, etwa die Zeitschrift „Der Mittelstand“ huldigten alleine ihm. Oft lag er dabei richtig. Mario Ohoven war ein unermüdlicher wie umstrittener Antreiber nach innen wie außen, der in Realverkörperung der Boss-Attitüde vor Ideen sprudelte und selbst die wichtigsten Events in Berlin besuchte. Er, selbst gelernter Bankkaufmann, sah die Bankenkrise ebenso voraus wie die wirtschaftlichen Folgen der Migration und nun von Corona. Kein Professor konnte in seinen Vorlesungen mehr begeistern als der Patriarch selbst. Italienische Opernstars kamen eigens eingeflogen zu den großen Events. Politiker ersten Rangs standen Spalier. Menschliche Züge zeigte er bei Leistung. Die schillernde Figur des deutschen Mittelstands tritt ab – ein herber Verlust in diesen Zeiten. Denn der Mittelstand leidet am meisten unter der Corona-Krise. Darauf wies Mario Ohoven bis zuletzt hin. So äußerte er, es müsse überprüft werden, ob der „Lockdown light” verhältnismäßig und verfassungskonform sei. Bei den getroffenen Maßnahmen gehe es immerhin um die wirtschaftliche Existenz von ganzen Berufsgruppen sowie Millionen von Selbstständigen. Eine solche kräftige Stimme ist nun verstummt.

Der Autor arbeitete zwischen August 2015 und Januar 2016 für den Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW).

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