Legale Jobs für Flüchtlinge

Die Schattenwirtschaft geht zurück – Der anhaltende Flüchtlingszustrom könnte diesen Trend bremsen – Neue Studie vorgestellt. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Wird immer wieder gern genommen: Der schwarz arbeitende Fensterputzer gilt als ein klassisches Beispiel für die sogenannte Schattenwirtschaft.
Foto: dpa | Wird immer wieder gern genommen: Der schwarz arbeitende Fensterputzer gilt als ein klassisches Beispiel für die sogenannte Schattenwirtschaft.

Mit dem Geld könnte man Schulen renovieren und neue Kindergärten bauen, Lücken in der Infrastruktur schließen oder Teile der Republik mit schnellem Internet versorgen: Sechzig Milliarden Euro gehen dem Staat voraussichtlich durch die sogenannte Schattenwirtschaft verloren. Zustande kommt diese Summe durch entgangene Einkommenssteuer und nicht eingezogene Krankenkassen-Beiträge. Denn neben kriminellen Geschäften wie Drogen- und Waffenhandel umfasst die Schattenwirtschaft den großen Sektor Schwarzarbeit – also Bezahlung in bar ohne Rechnung, und andere Formen illegaler Beschäftigung, etwa wenn osteuropäische Subunternehmer auf deutschen Baustellen den Mindestlohn unterschreiten.

Dennoch: Zwar werden auch 2016 in der Schattenwirtschaft voraussichtlich wieder Milliarden von Euro erwirtschaftet, doch insgesamt wird ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung 2016 leicht sinken. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und die Universität Linz in dieser Woche veröffentlicht haben. „In der guten Wirtschaftslage verdienen die Beschäftigten mehr, ihr Stundenlohn steigt oder sie können bezahlte Überstunden machen“, sagte Studienautor Friedrich Schneider. „Dadurch wollen weniger Menschen in ihrer Freizeit schwarzarbeiten.“ Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt wäre damit so niedrig wie noch nie seit Beginn der Studienstatistik 1995.

Seit zwei Jahrzehnten legt der Linzer Volkswirtschaftler zusammen mit dem Tübinger Wirtschaftsinstitut jedes Jahr eine Untersuchung der Schattenwirtschaft vor. Man mag über ihre Berechnungsmethoden streiten. Denn, sagt Bernhard Boockmann, der die Studie zusammen mit Friedrich Schneider erarbeitet hat: „Es ist nun mal das Wesen der Schattenwirtschaft, dass sie sich der Beobachtung entzieht.“ Als Indikator gilt deshalb etwa der Bargeldumlauf. Geht mehr Bargeld von Hand zu Hand, spricht das für mehr Schwarzarbeit.

Schwarzarbeit leistet definitionsgemäß, wer Dienstleistungen erbringt oder produktiv tätig wird und dabei gegen Sozialversicherungs- oder Steuerpflichten verstößt. Auch wer die Zulassungsvorschriften für sein Gewerbe oder Handwerk nicht einhält, arbeitet schwarz. Gleiches gilt für Arbeitslosengeld- und Sozialhilfeempfänger, die ihre Zuverdienste nicht angeben. Erlaubt ist lediglich die sogenannte Nachbarschaftshilfe, sofern sie nicht darauf ausgelegt ist, nachhaltige Gewinne zu erzielen, und von Angehörigen, Freunden oder Nachbarn erbracht wird. So steht es im Gesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit, das im März 2017 sechzig Jahre alt wird.

In der Schattenwirtschaft werden der Schätzung zufolge in diesem Jahr Leistungen im Wert von 336 Milliarden Euro erbracht, rund 3,4 Milliarden Euro weniger als 2015. Folgt man Professor Schneider, findet sich ein klassisches Beispiel illegaler Beschäftigung in vielen Privatwohnungen: Neunzig Prozent aller Putzfrauen seien schwarz beschäftigt, sagt der Wissenschaftler. Aber auch auf dem Bau, in der Landwirtschaft und in der Gastronomie ist der Anteil hoch. Da der Zoll diese Branchen aber relativ stark kontrolliere, seien die dortigen Beschäftigungsverhältnisse auf dem Papier oft legal, über unbezahlte Mehrarbeit würden sie dann aber doch zur Schattenwirtschaft. Auch Handwerker setzen der Studie zufolge viel auf Schwarzarbeit – wenn der Klempner den Abfluss repariert, werde häufig auf eine Rechnung verzichtet.

Der Zuzug von Flüchtlingen könnte den Rückgang der Schwarzarbeit allerdings abbremsen. Hier rechneten die Autoren der Studie verschiedene Modelle durch, wonach zwischen hundert- und dreihunderttausend Flüchtlinge illegal beschäftigt sein werden, etwa als Putzkraft oder Hilfsarbeiter auf dem Bau. „Wegen der fehlenden Deutschkenntnisse vieler Schutzsuchender ist es wahrscheinlich, dass es zunächst Jobs im Niedriglohn-Sektor sein werden“, sagte Friedrich Schneider. Am plausibelsten sei wohl die Zahl 300 000. Das entspräche einer Wertschöpfung von rund 2,2 Milliarden Euro. „Die Flüchtlinge sind monatelang in ihren Unterkünften zum Nichtstun verdammt, also ist es doch naheliegend, dass sie irgendwann raus wollen und sich als Schwarzarbeiter verdingen“, sagte Schneider.

Die Politik forderten Schneider und Boockmann deshalb auf, eine rasche legale Beschäftigung zu ermöglichen. „Man sollte darüber nachdenken, Flüchtlingen schnell eine zeitlich begrenzte Arbeitserlaubnis zu erteilen“, sagte Schneider. Eine solche eingeschränkte Erlaubnis könnte zunächst für einfache Tätigkeiten gelten. Später könnten die Flüchtlinge die Erlaubnis erhalten, auch höherwertige Stellen anzutreten, wenn Qualifikationen nachgewiesen seien, etwa als Handwerker, Arzt oder Verkäufer.

Gut möglich, dass die Schwarzarbeit weiter sinkt, schließlich ist die Konjunktur robust. Bekomme sie einen Dämpfer, werde auch die Schwarzarbeit wieder steigen, sagt Boockmann. „Wenn die Menschen weniger legal arbeiten können, suchen sie sich Jobs in der Schattenwirtschaft.“ Der demografische Faktor – also der steigende Anteil von Senioren an der Bevölkerung – spricht tendenziell für mehr Schwarzarbeit, schließlich haben die Älteren mehr Zeit für Hilfsjobs. 2017 könnte zudem die Anhebung des Mindestlohns für eine Zunahme der illegalen Beschäftigung führen.

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