Lange Durststrecke oder kurzes Unwetter?

Trotz des Bebens an den Aktienmärkten wollen viele deutsche Unternehmen mehr investieren als im Vorjahr

Würzburg (DT) Verkehrte Wirtschaftswelt: Die Talfahrt an den Börsen und die Fundamentaldaten deutscher Unternehmen stehen in krassem Gegensatz zueinander: Trotz des Crashs bei den Aktienmärkten werden deutsche Unternehmen auch 2008 satte Gewinne verzeichnen.

Panik, Kursverfall, Ausverkauf: Die Krise an den internationalen Aktienmärkten hat auch vor Deutschland nicht haltgemacht. 15 Prozent hat der Deutschen Aktienindex Dax in den vergangenen drei Wochen eingebüßt, bei den Bilanzen der Banken hinterlässt die Krise eine Spur der Verwüstung: Milliardenverluste beklagt die Westdeutsche Landesbank, mehr als eine Milliarde Euro muss die Landesbank Baden Württemberg abschreiben, dreihundert Millionen Euro die Hypo Real Estate. Schlechte Vorzeichen für die kommenden Wochen, wenn Finanzkonzerne wie Deutsche Bank, Allianz oder Commerzbank ihre neuen Geschäftszahlen vorlegen.

Aber das internationale Börsenbeben hat seine Logik. Die Kurse in den Vereinigten Staaten und Europa waren hoffnungslos aufgeblasen durch leichtfertig vergebene Kredite, die Gier der Geschäftemacher nach kurzfristigem Profit und das billige Geld der amerikanischen Notenbank Fed. Nun zeigt sich, dass viele Kredite nicht mehr bedient werden können, die Renditeversprechen vieler Investoren nicht aufgehen und das Geld der Fed dafür gesorgt hat, dass viele Aktien über ihrem tatsächlichen Wert gehandelt wurden. Deshalb geben die Kurse nach – wie ein Ballon, der immer mehr Luft verliert. Und diese Kurskorrektur könnte durchaus noch Wochen oder Monate andauern.

So gesehen gleicht die spektakuläre Zinssenkung der amerikanischen Notenbank einem zweischneidigen Schwert: Einerseits sorgt sie dafür, dass die Geldversorgung der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten nicht knapp wird: Die Banken können sich ihr Geld bei der Zentralbank zu günstigen Bedingungen leihen, spektakuläre Banken-Pleiten lassen sich so verhindern. Andererseits kann dies auch der Weg sein, die Krise immer weiter zu verschleppen. Ab 2001, dem Jahr der Katastrophe des 11. September, senkte die amerikanische Notenbank ihren Leitzins relativ schnell um über vier Prozentpunkte auf ein Prozent. Erst 2004 hob die Fed die Zinsen wieder an. Da war es aber schon zu spät: In der Zwischenzeit hatten die amerikanischen Hypothekenbanken massenhaft Baudarlehen an Kunden mit kaum vorhandener Bonität vergeben. Mit anderen Worten: Der Grund für die gegenwärtige Krise liegt auch in den Stützungsaktionen der Fed nach dem 11. September.

In Europa gefährdet: die Preisstabilität

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise führt in Europa und Amerika wohl kein Weg an Zinssenkungen vorbei. Doch sobald sich die Märkte gefangen haben, sollten sich die Zentralbanken wieder ihrer eigentlichen Aufgabe widmen. Was die Preisstabilität angeht, haben sich die europäischen Geldpolitiker in den vergangenen Jahren allzu großzügig verhalten. Statt wie vorgesehen um viereinhalb Prozent wuchs die Geldmenge seit 2004 jährlich um mehr als sechs Prozent, im vergangenen Jahr sogar mit zweistelliger Rate. Es befindet sich also mehr Geld im Umlauf als geplant – was nichts anderes bedeutet, als dass die Preisstabilität in Europa gefährdet ist. Zinssenkungen werden die Geldmenge noch weiter vermehren und die Inflation anheizen. Es kommt deshalb darauf an, die Zinssenkungen als kurzfristige Stützungsaktion auszugestalten.

Zumal viel dafür spricht, dass Unternehmen in Deutschland auch nur kurzfristig Hilfe benötigen. Trotz einbrechender Aktien, trotz Rezessionsängsten in den Vereinigten Staaten gehen Unternehmen in Deutschland davon aus, dass sie auch in diesem Jahr satte Gewinne machen, mehr investieren und mehr Mitarbeiter einstellen als im vergangenen Jahr. Das ergab eine Umfrage des Düsseldorfer „Handelsblatts“ unter den dreißig Konzernen des Deutschen Aktienindex. Auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) geht in einer Studie nur von einer kurzen Schwächephase aus, da Deutschland im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern nur wenig in die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten verwickelt sei. Zwar erwartet das Institut, dass sich die Investitions- und Exporttätigkeit aufgrund der nachlassenden Dynamik der Weltkonjunktur verlangsame, doch werde sich der Beschäftigungsaufbau auch während der kurzzeitigen wirtschaftlichen Schwäche fortsetzen. Nach dem Schwinden des Schocks dürfte sich die konjunkturelle Aufwärtsbewegung in der zweiten Hälfte dieses Jahres fortsetzen, um im Jahr 2009 ihr Spätstadium zu erreichen.

Aber bleibt nicht die kriselnde amerikanische Volkswirtschaft als große unbekannte Größe in der Gleichung?

„Wenn ein großer Markt wie die USA ins Strudeln kommt, bekommen zwar auch wir einen ordentlichen Schnupfen, aber grundsätzlich ist Deutschland gut aufgestellt“, meinte Joachim Gassen, Experte für fundamentale Aktienanalyse an der Berliner Humboldt-Universität gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“. Die eher konservative Kreditvergabepraxis deutscher Banken, die ebenso konservative Anlagestrategie der Investoren und die vergleichsweise hohe Sparquote schütze das deutsche Wirtschaftssystem tendenziell vor wirtschaftlicher Überhitzung und vor der Bildung von Kapitalmarkt- und Immobilienblasen.

„Wir sind dafür nicht so anfällig und brauchen daher auch keine Rezessionsangst zu haben“, fügte der Ökonom hinzu. Die jetzige Situation könne durchaus zu einer weltweiten Abkühlung der Konjunktur führen. „Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass die Weltwirtschaft schrumpfen, sondern eher, dass sie weniger stark wachsen wird.“ Der weltweit wichtigste Nachfragemarkt Vereinigte Staaten sei durch die Immobilienkrise zwar in Mitleidenschaft gezogen, aber sie seien als Absatzmarkt nicht mehr so zentral wie früher. Neben der steigenden Bedeutung des EU-Binnenmarkts spielten auch Wachstumsmärkte wie Russland, China und Indien eine zunehmend wichtige Rolle.

Das Glas, so scheint es, ist also nicht halb leer, sondern halb voll. Bleibt zu hoffen, dass sich die Finanzkrise nur als kurzes Unwetter auswirkt und Panikreaktionen bei allen Beteiligten ausbleiben.

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