Kommentar: Die Sorge wegen Gen-Pflanzen ist nicht unbegründet

Reichere Ernten, schädlingsfreie Pflanzen, ein besseres Unkrautmanagement und wertvollere Inhaltsstoffe: All das versprechen Saatgutkonzerne und Gentechnologen, wenn Landwirte gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen. Deutschland dürfe nicht mit engherzigen Verwaltungsregeln diese – ihrer Meinung nach – verbesserte Art der Pflanzenzüchtung verhindern. Denn das deutsche Gentechnikgesetz hat zum Ziel, dass alle Anbauformen nebeneinander existieren können, ohne dass sie sich gegenseitig stören: Dass also Biobauern und konventionell arbeitende Landwirte neben Genbauern arbeiten können, ohne dass es zu Auskreuzungen zwischen ihren Pflanzen und gentechnisch veränderten Pflanzen kommt.

Gegen dieses Gesetz hat das Land Sachsen-Anhalt, das eine Biotechnologie-Initiative gestartet hat, um Arbeitsplätze ins Land zu holen, 2005 Klage erhoben. Diese Woche haben die Richter des Bundesverfassungsgerichts die Klage entschieden. Sachsen-Anhalt sah die Genbauern im Nachteil: Denn wenn sich gentechnisch veränderte Pflanzen durch Auskreuzungen im Nachbarfeld verbreiten, können Bauern zu Entschädigungen verpflichtet sein. Die Haftung besteht unabhängig von einem Verschulden. Für die Kläger machen es solche Haftungsregeln Landwirten sehr schwer, sich für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu entscheiden: Durch Wind, Pollenflug und Vögel kann dies schließlich schnell passieren – selbst wenn zwischen den jeweiligen Feldern Abstände eingehalten werden müssen. Außerdem würde jedes zweite Genpflanzenfeld von Gentechnik-Gegnern zerstört, da alle Gen-Felder in einem öffentlich einsehbaren Standortregister notiert sein müssen. Diese Benachteiligung widerspreche dem Grundgesetz, so die Kläger aus Sachsen-Anhalt.

Am Mittwoch fällten die Richter in Karlsruhe ihr Urteil: Anders als die Kläger sehen sie eine besondere Sorgfaltspflicht des Staates, solange die Risiken der Gentechnik für die Umwelt noch nicht eindeutig geklärt sind. So bleibt es dabei: Wenn Genpollen vom Feld des Bauern Müller auf das Feld des Bauern Schmidt fliegen und dort Pflanzen befruchten – und wenn diese nachweisbar Spuren der gentechnischen Veränderungen zeigen – muss der Genbauer seinen Nachbarn entschädigen. Der kann seinen Mais dann schließlich nicht mehr als gentechnikfrei oder als Bio-Mais verkaufen.

Ist die Sorge der Richter übertrieben? Keineswegs. Zwar lässt sich bis heute kein Fall nachweisen, in dem jemand durch den Genuss gentechnisch veränderter Nahrungsmittel ernsthaft krank geworden ist. Aber es lassen sich genug Beispiele anführen, die zeigen, dass sich die Risiken der Gentechnik erst längerfristig zeigen: Der Genmais MON 810 etwa, dem ein künstliches „Gen-Gift“ gegen den Schädling Maiszünzler angezüchtet worden ist, wurde anfangs von den europäischen Behörden als sicher bewertet und für den Anbau zugelassen. Später zeigte sich, dass dieses Gift auch weitere Insekten und Bodenbakterien schädigt: Schmetterlingsarten wie das Tagpfauenauge oder der Schwalbenschwanz, aber auch die für die Nahrungskette wichtige Zuckmücke wurden in Nähe von Feldern, wo diese Maissorte angebaut wurde, in Mitleidenschaft gezogen. Die Gefahr der Auskreuzung ist jedenfalls alles andere als theoretisch: Bis zu tausend Meter können Maispollen durch den Wind verbreitet werden. Da liegt die Frage nahe, ob ein unbeschadetes Nebeneinander von biologisch und konventionellem Anbau hier und gentechnisch verändertem Anbau dort langfristig möglich ist. Und es fragt sich, ob es nicht besser ist, an gentechnisch veränderten Pflanzen nur noch in abgeschlossenen Labors und nicht im Freiland zu forschen. Wenn Gentechnik-Konzerne anführen, nur gentechnisch veränderte Pflanzen richteten langfristig etwas gegen Schädlingsbefall und Welthunger aus, lässt sich dagegenhalten, dass die Anfälligkeit gegen Schädlinge entfällt, wenn man auf Monokulturen verzichtet und den Fruchtwechsel beachtet. Und Länder in Dürrezonen benötigen weniger Genpflanzen, die Riesenerträge bescheren, als Frieden und eine geregelte Landwirtschaft.

Es ist gut, dass die Karlsruher Richter die Sorgfaltspflicht bei der Gentechnik angemahnt haben. Denn beim Einsatz von Techniken, die – wie die grüne Gentechnik – so gravierend in die Struktur des Lebens eingreifen, darf nicht das technisch Machbare und der größtmögliche Ertrag entscheiden, sondern die umfassende Abschätzung und Bewertung der Folgen.

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