Kolumne zur Ökumenischen Sozialinitiative (V): Das System ist am Ende

Von Mattias Kiefer

Das bisherige, in den früh industrialisierten Ländern seit etwa 200 Jahren vorherrschende Wirtschaftssystem kommt an sein Ende, weil es nicht nachhaltig, nicht dauerhaft-zukunftsfähig ist. Die Krisensymptome sind mannigfaltig, aus dem ökologischen Bereich zählen dazu: Der Klimawandel, die zunehmende Ressourcenerschöpfung, der weltweite Rückgang an fruchtbarem Boden und Trinkwasser, das Artensterben… Aber auch nicht-ökologische Symptome der Nichtnachhaltigkeit gibt es viele: Staatsschulden, die die Spielräume kommender Generationen einengen, dauerhafte Massenarbeitslosigkeit in vielen Staaten, die zunehmenden sozialen Spaltungen auch in früh industrialisierten Ländern, der stark steigende Anteil arbeitsbezogener psychischer Erkrankungen, und so weiter.

Die Ökumenische Sozialinitiative reagiert in ihrer 5. These auf diese zukunftsvergessene Entwicklung. Sie fordert, in den Lebens- und Wirtschaftsstilen die ökologische Nachhaltigkeit zu verankern. Leider bestimmt sie den Begriff nicht viel näher, wichtig aber ist die Doppelung von Lebens- UND Wirtschaftsstilen. Denn meist beschränken sich die bekannten Appelle zur „Maßhaltung“, zum „gut leben statt viel haben“, oder zur neuen Selbstbescheidung beim Konsum zugunsten von mehr Lebensqualität auf die individuelle Lebensführung. So nötig Maßhalten, „Suffizienz“, in möglichst vielen Bereichen ist, so wenig kann sie ausreichen, eine zukunftsgerechte Entwicklung sicherzustellen. Ohne Änderung der Wirtschaftsstile, also ohne strukturelle Anpassungen und ohne Ordnungspolitik, wird es nicht gelingen, die Krisen zu bewältigen. Es braucht belastbare Antworten auf die ungelöste Frage des Götzen „Wachstum“. Es braucht eine Diskussion der Prämissen unseres Wirtschaftssystems; die soziale Frage muss dabei viel enger mit der ökologischen verschränkt werden. Die Rede von der öko-logisch-sozialen Marktwirtschaft muss mehr werden als eine wohlfeile Worthülse. Die Hoffnung auf die „green economy“, also einem Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Entkopplung von Ressourcenverbräuchen und Treibhausgasemission, ist dabei trügerisch: Sie kann in Teilbereichen und übergangsweise helfen – als Gesamtstrategie nachhaltiger Lebens- und Wirtschaftsstile taugt sie kaum.

Ihr Glaube an den biblischen Schöpfergott fordert Christinnen und Christen auf, sich für ein dauerhaft-zukunftsfähiges Leben auf diesem Planeten für alle, auch die nicht-menschlichen, Geschöpfe Gottes einzusetzen. Die Zeichen der Zeit sprechen eine deutliche Sprache, die Ungerechtigkeiten unserer Wirtschaftsstile treten immer offener zutage: Ungerecht ist, dass Millionen von Menschen bereits heute in ihrer Existenz durch den Klimawandel bedroht werden, obwohl sie den geringsten Teil der Treibhausgasemissionen selbst zu verantworten haben. Ungerecht ist, dass eine globale industrialisierte Landwirtschaft Böden auslaugt und zum Artensterben beiträgt, dennoch aber weltweit knapp eine Milliarde Menschen unter- und weitere zwei Milliarden Menschen mangelernährt sind. Ungerecht ist, dass wir heute Lebenden die Chancen zukünftiger Generationen massiv einengen. Christinnen und Christen stellen sich diesen Herausforderungen, weil sie sich auf Jesus Christus berufen, der gelingendes, glückendes Leben nicht an weltlich-materiellen Erfolgskriterien festmacht, sondern an Gottes Gerechtigkeit. Die Botschaft vom kommenden Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, sie ist nicht weltlich – und will doch die Welt, Gottes Schöpfung, verwandeln.

Christinnen und Christen können ihre Botschaft, die gegen allen berechtigten Zukunftspessimismus eine des Hoffens wider alle Hoffnung ist, in die politischen und gesellschaftlichen Debatten umso glaubwürdiger eintragen, je stärker ihre eigenen Gemeinschaften, die Kirchen, die Konsequenzen dieser Botschaft selbst praktizieren. Dass dies bei der Verantwortung für Zehntausende von Gebäuden allein in diesem Land samt stetig steigender Kosten für deren Betrieb und Unterhalt auch einem Gebot ökonomischer Klugheit entspricht, ist das eine. Wichtiger ist die pastorale Dimension, Vorbild zu sein beim ernsthaften Suchen inmitten der benannten Krisen. Das schließt das Rede-und-Antwort-Stehen auf die Frage nach dem Grund der Hoffnung, die Christinnen und Christen trägt, ein. Papst Franziskus macht es vor: Der Respekt und die Anerkennung, die ihm öffentlich zukommen, sollte Motivation genug sein, seinen Weg in eine nachhaltig-lebenswerte Welt mitzugehen.

Der Autor leitet die Abteilung Umwelt des Erzbischöflichen Ordinariats München und ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der deutschen (Erz)Bistümer (AGU).

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann