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Kolumne: Zu dem stehen, was ist

Widerstandskraft lässt sich einüben.
Kolumne: Zu dem stehen,  was ist
Foto: privat | Der Autor ist promovierter Theologe und Wirtschaftsethiker. Als Zisterziensermönch leitet er das Institut für Führungsethik und ist als Business Coach tätig.

Resilienz ist ein Thema, welches im Austausch mit Einzelpersonen eine immer stärkere Betonung erfährt. Auch für Unternehmen als soziale Systeme wird die Bedeutung einer inneren Widerstandskraft für das Erreichen ihrer Ziele erkannt. Was versteht man unter Resilienz? Miriam Prieß gibt in ihrem Buch „Resilienz“ eine umfangreiche Einführung in diesen Begriff und wie man eine Haltung der Widerstandskraft einüben kann. Es geht nicht um ein Verhalten, sondern um eine innere Einstellung. In der Einleitung schreibt sie: „Resilienz entsteht überall dort, wo Begegnung mit der Wahrheit ist. Wo ein Dialog herrscht und wo dem, was ist, auf Augenhöhe begegnet wird. Resilienz ist die Fähigkeit, zu sich und zu dem, was ist, zu stehen.“

Dialog heißt nicht Konsens

Dialog wird hier also als eine Grundlage verstanden, wie man auf andere Menschen zugeht und man auch zu der eigenen Person stehen kann. Dabei ist Dialog nicht einfach identisch mit einem Konsens der Meinungen oder Positionen. Im Dialog sein heißt vielmehr die Position des Anderen zu verstehen, sich selbst sogar in sie hineinzuversetzen. Wenn Menschen aufhören miteinander zu sprechen und wenn sie einander auch nicht mehr richtig zuhören können, was eine Grundvoraussetzung für das Verstehen ist, dann sind weitere, schwerwiegende Kommunikationsprobleme oft eine logische Folge. Dieses führt aber nicht direkt zu einem Kommunikationsabbruch, sondern über mehrere Phasen hinweg verlieren die Gesprächspartner den Bezug zueinander.

Dieser Prozess wird von Prieß in vier Phasen eingeteilt. Zuerst wird das Gegenüber als existenziell bedrohlich wahrgenommen. Es werden Leitplanken gesetzt, über die man denkerisch nicht mehr hinauskommt. Beide Gesprächspartner halten nur noch an ihrer Position fest. Dies führt dann zu einem inneren Widerstand. Wenn man merkt, dass der andere Gesprächspartner sich nicht überzeugen lassen will, dann ist der Widerstand die einzige Möglichkeit. Im diskursiven Miteinander führt dies zu einer Eröffnung von Nebenkriegsschauplätzen, also weg vom eigentlichen Thema. Bei beiden Teilnehmern führt das zu einer Erschöpfung. Es folgt unweigerlich ein Rückzug, an dessen Ende nur eine Gewissenserforschung stehen kann, mit dem Ziel, nach der eigenen Verantwortung zu fragen.

Miteinander in sozialen Systemen

Der hier ausgerollte Gedanke wurde zielgerichtet auf Einzelpersonen hin dargestellt. Man könnte dies jetzt auch auf Unternehmen und andere soziale Systeme übertragen, vielleicht auch auf das Miteinander in der Kirche. Wie finden wir dort zu einer Dialogform, an deren Ende man sich nicht vom Eigentlichen abwendet? Anders gefragt, was ist der bleibende Auftrag, den Jesus Christus ihr mitgegeben hat? So kann man abschließend einen Gedanken von Christian Geyer-Hindemith (FAZ vom 03.02.2020) aufgreifen, der konstatiert, dass in der kirchlichen Diskussion der Glaubensbegriff durch jenen der Glaubwürdigkeit ersetzt zu werden scheint. Vielleicht könnte hier ein Prozess beginnen, der die Kirche aus diesem Prozess gestärkt hervorgehen lässt. Einen Versuch wäre es wert.

 

Der Autor ist promovierter Theologe und Wirtschaftsethiker. Als Zisterziensermönch leitet er das Institut für Führungsethik und ist als Business Coach tätig. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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