Kolumne: Wort der Kirchen zur Krise nötig

Von Professor Peter Schallenberg
Foto: Archiv | Peter Schallenberg.
Foto: Archiv | Peter Schallenberg.

Der Reformationstag ist gerade vergangen, da wirft schon das im Jahr 2017 stattfindende 500-jährige Jubiläum der Reformation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seine Schatten voraus. Bundeskanzlerin Merkel, die bei der Synode der EKD am 5. November zu Gast war, hob den wichtigen Beitrag der Kirchen für die Gesellschaft hervor. Und tatsächlich und allen Unkenrufen zum Trotz: Immer noch bekennen sich zwei Drittel aller Deutschen zu einer der beiden Konfessionen. Und gerade hinsichtlich gegenwärtiger Herausforderungen in Politik und Gesellschaft erscheint es nicht zuletzt deswegen nach wie vor notwendig, mit einer Stimme zu sprechen, um das christliche Erbe in die Zukunft zu führen. Ökumene darf daher auch vor gesellschaftlichen Themen nicht haltmachen und ist vielleicht gerade dort – abseits dogmatischer Fragen – möglich.

In diesem Zusammenhang darf man darauf verweisen, dass eine wesentliche politische Weichenstellung der jungen Bundesrepublik unter christlichen, ja ökumenischen Vorzeichen stand: Die Soziale Marktwirtschaft. Neben dem Glauben an die Stärken dieses Systems spielte durchaus auch parteipolitisches Kalkül von Konrad Adenauer eine große Rolle: Durch dieses „hölzerne Eisen“ – denn den Markt mit sozialer Verpflichtung zu koppeln erschien vielen als nicht aufzulösender Widerspruch –, konnte er sowohl den Wirtschaftsflügel als auch den Sozialflügel in der neu aufgestellten Partei versöhnen und integrieren. Noch dazu war die neue christliche Volkspartei eben nicht konfessionell eng an eine Kirche gebunden, sondern fühlte sich der christlichen Idee in universeller Weise verbunden. Sie ist mithin implizit ein ökumenisches Projekt, auch wenn anfänglich durchaus – allen voran durch die Person Adenauers – ein rheinischer Katholizismus die Oberhand gewann.

Wirtschaftspolitisch versuchte man sich schließlich stark von der SPD abzugrenzen, womit auch ein Christlicher Sozialismus, der noch das Ahlener Programm von 1947 bestimmt hatte, obsolet wurde. In diesem Zusammenhang holte Adenauer Ludwig Erhard ins Parteiboot. Durch ihn und Alfred Müller-Armack wurde die Idee einer Sozialen Marktwirtschaft auch politisch implementiert. Konfessionstheoretisch gesehen kann man die marktwirtschaftlichen Elemente in dem Amalgam der Sozialen Marktwirtschaft dem Ordoliberalismus und der evangelischen Soziallehre zuordnen, die wohlfahrtsstaatlichen Anteile hingegen dem vorwiegend rheinisch-katholischen Sozialflügel der CDU und der katholischen Soziallehre. Der Ordoliberalismus, allen voran der „Freiburger Kreis“ um Walter Eucken, der gläubiger evangelischer Christ war, hatte enge Kontakte zur Widerstandsgruppe der Bekennenden Kirche. Auf Bitten Dietrich Bonhoeffers verfassten einige Mitglieder dieser Gruppe 1942/1943 eine Programmschrift für eine nach dem Krieg geplante ökumenische Weltkirchenkonferenz, welche die politische Neuordnung Deutschlands für die Zeit nach dem Nationalsozialismus vorbereiten sollte. Der Abschnitt zur Sozial- und Wirtschaftsordnung wurde dabei wesentlich von Eucken, Constantin von Dietze und Adolf Lampe verfasst und enthält bereits eine konzise Zusammenfassung des ordoliberalen Programms, das wesentlich moralisch und dezidiert theologisch begründet wird.

Neben den klassischen Merkmalen der Sozialen Marktwirtschaft – Dezentralismus bei gleichzeitiger staatlicher Einflussnahme zugunsten des Allgemeinwohls, Begrenzung von Kartellen und Monopolen – ist es gerade auch der Rekurs auf die Idee der menschlichen Person, die den bleibenden ökumenischen Dialog eröffnet. Damit war im Wesentlichen ein Mittelweg zwischen kollektivistischen Wirtschaftssystemen einerseits und wirtschaftsliberalen Idealen andererseits eingeschlagen. Die christlichen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft als einer Wirtschaftsordnung für den Menschen sollten daher immer wieder neu betont werden, auch und gerade vor dem Hintergrund, dass der EU-Vertrag von Lissabon die Idee der Sozialen Marktwirtschaft als europäisches Modell implementieren will. Nicht zuletzt deswegen ist die Zukunft Europas zugleich auch ein ökumenisches Projekt und somit Auftrag und Chance gleichermaßen. Eine Kultur, die im Wesentlichen auch von ihren theologischen Wurzeln zehrt, darf die Rückbindung an diese Wurzeln nicht vergessen, um weiterhin fruchtbar zu sein. Besonders hinsichtlich aktueller Krisenentwicklungen erscheint ein gemeinsames Wort der Kirchen besonders notwendig. In Form der Sozialen Marktwirtschaft ist dahingehend bereits eine Grundlage mit ökumenischem Impetus vorhanden, der als solcher den Ausgleich von Marktmechanismen und sozialer Verantwortung einschließt.

Der Autor ist Leiter der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Er lehrt Moraltheologie an der Universität Paderborn. Weitere Kolumnen unter www.ksz.de

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