Kolumne: Wirtschaft als Schulfach

kolumne: Wirtschaft als Schulfach
| Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonomische Bildung an der Universität Münster.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

Nach mehr als 40 Jahren plant Nordrhein-Westfalen wieder die Einführung eines Schulfachs „Wirtschaft“: In der Realschule soll „Wirtschaft“ als eigenständiges Fach, in Gymnasium, Sekundar- und Gesamtschule als Kombinationsfach „Wirtschaft – Politik“ eingeführt werden. Zudem soll „Wirtschaft“ im Wahlpflichtbereich wählbar sein. Eine lange überfällige Entscheidung!

Denn ökonomische Bildung ist Teil der Allgemeinbildung. Was man über die Wirtschaft wissen muss, lernt man nicht lediglich „by doing“, wenn man etwa einen Kreditvertrag abschließt.

Auch ökonomische Alltagsentscheidungen wollen begründet getroffen werden. Wirtschaftskompetenz umfasst auch, das komplexe dynamische System der Volkswirtschaft und ihre Rahmenbedingungen zu verstehen.

Jahrelang galt in der Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen das Diktum, wirtschaftliche Bildung werde auch in nichtökonomischen Schulfächern vermittelt, so dass ein eigenständiges Fach Wirtschaft unnötig sei. So geht es auch im Fach Geschichte zum Beispiel um die Industrialisierung, und in Erdkunde stehen auch Wirtschaftsthemen wie der Nord-Süd-Konflikt auf dem Lehrplan.

Aber nicht nur Schülerleistungstests belegen, dass das kaum zu einem befriedigenden Stand ökonomischer Kompetenzen geführt hat. Auch die Schüler selbst empfinden ihr Wirtschaftswissen als defizitär, wie vor vier Jahren der getwitterte Hilfeschrei einer (nordrhein-westfälischen) Schülerin zeigte, dass sie mit fast 18 Jahren zwar gelernt habe, Gedichte in vier Sprachen zu interpretieren, aber nicht, wie man eine Steuererklärung abgebe.

Ökonomische Bildung ist jedoch viel mehr als die Betrachtung des Gegenstands der Wirtschaft. Ökonomisch zu denken heißt auch, die theoretischen und empirischen Methoden zu verstehen und anzuwenden, die typisch für die Wirtschaftswissenschaft sind. Doch genau dieser Bezugsdisziplin galt lange Zeit das Misstrauen der Vorgängerregierungen in NRW.

Offenbar befürchtete die Politik, Schüler könnten in einem Fach Wirtschaft das spezifisch volkswirtschaftliche Modell, Marktentscheidungen aus dem Eigeninteresse heraus zu analysieren, als Werbung für den Kapitalismus und als Aufforderung zu egoistischem Handeln missverstehen.

Eine empirische Studie des Instituts für Ökonomische Bildung der Universität Münster wies jedoch schon 2013 auf der Basis einer detaillierten Befragung von rund 1 500 Schülern der Jahrgänge 7 bis 10 im damaligen „Modellversuch Wirtschaft in der Realschule“ nach, dass diese Befürchtung unbegründet ist.

Auch wenn der inzwischen im Entwurf vorliegende Kernlehrplan aus Sicht der ökonomischen Bildung noch Fragen offenlässt, so sind die Pläne des Schulministeriums ein klarer Schritt in die richtige Richtung. Im Interesse der betroffenen Schüler geht es nun darum, dass das ehrgeizige Vorhaben nicht noch in letzter Minute im parlamentarischen Prozess verwässert wird oder dort sogar ganz baden geht.

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