Kolumne: Wie human ist die Gesellschaft?

Von Judith Wolf
Foto: priv. | Judith Wolf.
Foto: priv. | Judith Wolf.

Wie möchtest Du sterben? Der Großteil der Bevölkerung in Deutschland hat darauf eine klare Antwort: Schnell, irgendwann, dass man's nicht merkt. Am besten einschlafen und nicht mehr aufwachen. Fast 70 Prozent der Bevölkerung wünschen sich einen schmerzfreien, schnellen und plötzlichen Tod. Vor allem wollen die meisten Menschen selbstbestimmt sterben. Selbstbestimmt leben und selbstbestimmt sterben, das passt zusammen, vor allem bis zum Schluss alles in der Hand halten zu können. Autonomie ist das Zauberwort vieler ethischer und gesellschaftlicher Debatten. Wir haben heute die große Chance, zwischen unterschiedlichen Optionen zu wählen, uns zu entscheiden, die Dinge abzuwägen, über Bord zu werfen, was wir für uns in unserer Freiheit nicht als gut erkennen und uns neu auszurichten. Wir haben im besten ethischen Sinne die Möglichkeit, uns selbst Gesetz zu sein. Das ist eine der großen Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft. Also alles gut?

Oft gerät dabei aus dem Blick, dass der noch so autonome Mensch angewiesen ist auf die menschliche Nähe anderer. Der Mensch ist immer auch ein soziales Wesen. Es ist ein Trugschluss zu meinen, der Mensch könnte nur durch Autonomie bestimmt sein. In jeder Zeit seines Lebens ist er auch abhängig von anderen, von der Gemeinschaft. Die Debatte um die Beihilfe zum Suizid ist deshalb mit einem einseitigen Autonomiebegriff verbunden. Autonomie und Angewiesenheit gehören in gleicher Weise zur Grundkonstitution des Menschen.

Es ist nachvollziehbar, dass Menschen bereit sind, eine schwere Krankheit nur bis zu einem gewissen Punkt zu ertragen und dann selbst entscheiden möchten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die jetzige Rechtslage verwirklicht das Selbstbestimmungsrecht des Patienten aber bereits durch Instrumente wie die Patientenverfügung und die Betreuungsvollmacht und gibt damit dem Patientenwillen erhebliche Bedeutung. Außerdem ist durch die heutigen Möglichkeiten der Palliativmedizin ein würdevolles Sterben innerhalb des rechtlichen Rahmens in den allermeisten Fällen möglich, so wie es dem Patientenwunsch entspricht.

Auch die ethischen Argumente für die rechtliche Regelung eines ärztlich assistierten Suizids sind freilich nicht vom Tisch zu wischen. Die Legalisierung in engen Grenzen scheint gerecht, weil der Suizid so für alle unter gleichen Bedingungen zugänglich wäre. Eine solche Regelung hätte scheinbar den Vorteil, für alle nachprüfbar und nachvollziehbar zu sein. Also gerecht und transparent? Und trotzdem meine ich, steht ein Stück Humanität unserer Gesellschaft auf dem Spiel: Kein Jurist kann garantieren, dass es bei den anfangs eingezogenen engen Grenzen bleiben wird. Niemand kann letztlich vorhersagen, wie eine Gesellschaft auf die Möglichkeit, den Suizid als gewissermaßen ärztliche Leistung in Anspruch nehmen zu können, reagiert. Ob nicht doch der Druck auf schwerkranke und alte Menschen steigt, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen – gerade angesichts knapper Ressourcen? Und: Eine solche Regelung würde zwar die Selbsttötung als autonomes Anspruchsrecht des Menschen organisieren, aber das Sterben, dass doch zum Menschsein gehört, verdrängen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir verlernen, die Bedürftigkeit des Menschen in seiner letzten Lebensphase zu begleiten, auszuhalten und auch unsere eigene letzte Phase in aller Bedürftigkeit mit anderen Menschen durchzustehen. Damit würden wir auch ein Stück Humanität unserer Gesellschaft aufgeben.

Deshalb gibt es gute Gründe dafür, die geschäftsmäßige und organisierte Beihilfe zum Suizid unter Strafe zu stellen. Damit könnten Sterbehilfevereine aller Art und Mediziner erfasst werden, die die Beihilfe zur Selbsttötung als ärztliche Aufgabe verstehen. Ebenso gilt es, auch keinen gesetzlichen Rahmen zur Regelung des ärztlich assistierten Suizids zu schaffen. Vor allem ist wichtig, die Möglichkeiten der Palliativmedizin auszubauen. Die jetzige Debatte sollte als Chance zur Wiederentdeckung einer Kultur des Lebens und Sterbens verstanden werden. Sterben ist integraler Bestandteil menschlichen Lebens und wird unter den richtigen Rahmenbedingungen zu einer intensiven Lebensphase. Das Leben von Menschen zu schützen, ist oberster Grundsatz unserer Verfassung, das gilt auch für Menschen, die den Tod vor Augen haben. Sterben gehört zum Menschen. Vielleicht entscheidet sich hier, ob unsere Gesellschaft human sein will?

Die Autorin ist Sozial- und Medizinethikerin und stellv. Direktorin der Katholischen Akademie Die Wolfsburg

Themen & Autoren

Kirche