Kolumne: Werte brauchen Haltungen

Von Professor Jürgen Manemann
Foto: Archiv | Professor Jürgen Manemann.
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Immer wieder liest und hört man den Satz, dass die Gesellschaft nicht erst moralisch gebessert werden müsse, um wirtschaftlich zu funktionieren, da die Marktwirtschaft unabhängig vom Charakter des in ihr handelnden Akteurs sei. Eine solche Ansicht verkennt die Tatsache, dass die Wirtschaft von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht garantieren kann. Wirtschaftliches Handeln basiert auf Werten, die in der Lebenswelt erlernt werden. Ohne ein gewisses Maß an Vertrauen funktioniert ökonomisches Handeln nicht. Verträge, die Unternehmer miteinander schließen, sind niemals wasserdicht. Es bleibt ein Rest eines Vertrauensvorschusses, den die Vertragspartner einander gewähren. Der Begriff „Kredit“ (Credo/ Ich glaube, ich vertraue) meint genau dies. Unternehmen sind deshalb nicht nur auf finanzielle Kredite angewiesen, sondern auch auf diesen Kredit, auf Vertrauen. Es reicht aber nicht aus, Werte zu predigen. Werte besitzen nur eine Realität, wenn sie so verinnerlicht werden, dass sie unsere Haltung prägen.

Wer also von Werten spricht, der darf von Haltungen nicht schweigen. An der Zeit ist heute eine werteorientierte Unternehmensführung, in der es nicht nur um Codizes geht, sondern auch um Personen, die in vorbildlicher Weise ihr Unternehmen nachhaltig werteorientiert leiten und dies in ihrer Unternehmensphilosophie und im Rahmen ihres täglichen unternehmerischen Denkens und Handelns für selbstverständlich erachten. Im Zentrum stehen demnach Unternehmerinnen und Unternehmer, für die Werteorientierung keine bloße Strategie zur Gewinnmaximierung ist, sondern denen die Werteorientierung zur zweiten Natur geworden ist. Deshalb bedarf es heute einer sozio-kulturell ausgerichteten, habituellen Unternehmensethik, die die Frage nach der Bedeutung von Haltungen in den Vordergrund rückt.

Werte werden dem Menschen zur zweiten Natur, wenn sie seine Anlage, seine innere Haltung, sein Erscheinungsbild und seine Lebensweise prägen, kurz: wenn sie in seinen Habitus eingezeichnet sind. Erst durch ihre Inkorporierung werden Werte auf Dauer gestellt. „Habitus“ bezeichnet aber nicht eine Praxis der Gewohnheit und der Routine – ein häufig anzutreffendes soziologisches Missverständnis. Im Unterschied zu routinierten Handlungen werden habituelle Handlungen mit ganzer Seele vollzogen. Die Rede vom Habitus bezieht sich auf die innere Qualität unseres Handelns, seine Innenwirkung. Habitus heißt, „sich selbst zu haben, seine widersprechenden Gefühle in eine innere Ordnung zu bringen, sie zu einem synergetischen Ganzen zu formen“ (Peter Nickl). Ohne Habitus verliert der Mensch sein Selbst, streicht er sich selbst durch.

An der Zeit ist eine habituelle Unternehmensethik, welche die Einsicht vermittelt, dass sich ein Unternehmen nicht erfolgreich von den Werten, die in Lebenswelten gelebt werden, dispensieren darf. Werte ohne Haltungen sind leer. Gerade der Blick auf den Zusammenhang zwischen Werten und Haltungen zeigt, dass wirtschaftliches Handeln ein soziales Handeln ist, dessen Voraussetzungen in den Lebenswelten gelegt werden. Aus Sicht einer habituellen Unternehmensethik darf es daher keine Unternehmenskultur geben, die völlig von in der Gesellschaft gelebten Moralen abgelöst wäre. Erst in einer Unternehmenskultur, die rückgebunden ist an kulturelle Lebensformen, können sich Haltungen ausbilden, die Werte lebendig erhalten. Habituelle Unternehmensethik verbindet Lebenswelten und Wirtschaftswelten miteinander. Die Werte und Haltungen, die sich in den Prozessen der Identitätsbildung einstellen, sind die wichtigsten Garanten dafür, dass konstitutive Regeln des Zusammenlebens und des Wirtschaftens in praxi befolgt werden. Ein Unternehmen kann sich deshalb nur um den Preis der Selbstaufgabe von der Frage nach einer Alltagsethik in der Gesellschaft und ihren Problemen dispensieren. Zur unternehmerischen Aufgabe gehört es, diese Fundamente des Zusammenlebens stärker als bisher zu stützen: Ohne Kultur gibt es auch keine Unternehmenskultur.

Der Autor ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover.

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