Mönchengladbach

Kolumne: Weihnachten und Corona

Peter Schallenberg sagt beim Blick auf leere Kirchen: „Gott freut sich über jeden, der vorbeischaut. Wie einst die Hirten in Betlehem!“

Leere Kirche
Leere Kirchen: Nach dem ersten Lockdown sind viele Menschen nicht mehr zum Gottesdienstbesuch zurückgekommen. Foto: Photoauszeit/wu
Peter Schallenberg
Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit... Foto: KNA

Im Zuge der Corona-Pandemie haben die Kirchen schnell gelernt, dass sie nicht wirklich systemrelevant sind. Im ersten Lockdown im Frühjahr waren auf ihre eigene Initiative alle öffentlichen Gottesdienste eingestellt, und als sie wieder aufgenommen wurden, kehrte nur ein Bruchteil der Gläubigen zurück. Viele hatten anscheinend festgestellt, es geht auch ohne Sonntagsmesse! Heißt es nun demnächst, es geht auch ohne Beten und ohne Gott? Vielleicht kommt es so, Säkularisierung nennen wir das, verschärft durch die Corona-Krise. Doch: Lamentieren hilft nicht. Schon Jesus sah die Zahl der Jünger schrumpfen und seine Felle davonschwimmen: „Wollt auch Ihr gehen?“, fragt er seine verbliebenen Jünger, bevor die sich nach dem letzten Abendmahl auch auf und davon machen. Unter dem Kreuz bleiben nur seine Mutter, zwei Frauen und Johannes. Magere Ausbeute für den Messias?

„Lange Schlangen gab es weder bei den Zumutungen Jesu noch am Kreuz noch an der Krippe!“

Weihnachten in der Corona-Krise zeigt uns freilich beides: Lange Schlangen gab es weder bei den Zumutungen Jesu noch am Kreuz noch an der Krippe! Vielleicht hatten wir uns zu sehr daran gewöhnt, im Mittelpunkt der Menschheit zu stehen mit der Botschaft von Gott und seiner Mensch werdung und Erlösung. Vielleicht kommen wir jetzt wieder mehr dort an, wohin wir gehören: an den Rand, ein Angebot in der modernen Gesellschaft unter vielen anderen, ein Angebot der Lebensdeutung und der Erfüllung des Lebens. Gott ist am Rand und draußen vor der Stadt: Das war in der Krippe zu Betlehem und auf Golgotha in Jerusalem so, und das wird verschärft auch wieder so werden.

Gelingende Begegnung

Aber ein Zweites zeigt uns Weihnachten eben auch: Die Begegnung mit Gott gelingt ja – Gottseidank! – nicht nur durch Kirchgang und Sakramente, sondern der Herr sagt selbst: „Was Ihr einem der Geringsten getan habt, das habt Ihr mir getan!“ Also dann: Wer nicht mehr zur Kirche und zum Gottesdienst geht, der geht vielleicht zum Geringsten und zum Gottesdienst einer solchen anderen Art? Ja, sagen die Bedenkenträger, aber gehört nicht beides zusammen? Leben nicht die Schwestern von Mutter Teresa in der Spannung von Eucharistie und Krankensorge? Ja, das stimmt und das ist optimal. Aber alles fängt ja klein an und suboptimal wäre doch vielleicht der Beginn mit dem Mitmenschen, dem Kranken, dem Einsamen? Sozial und barmherzig sein!

Gott lässt sich finden

Weihnachten heißt doch: Gott lässt sich finden, wenn jemand rausgeht von sich selbst. Raus zur Kirche, raus zum Menschen. Alfred Delp schreibt wenige Tage vor seiner Hinrichtung im Januar 1945 in einem seiner aus dem Gefängnis Plötzensee herausgeschmuggelten Kassiber: „Wir sind bestochen von uns selbst!“ Wer im Haus der eigenen Behaglichkeit bleibt wie der reiche Prasser, der übersieht den armen Lazarus auf der eigenen Türschwelle und der übersieht Gott. Und landet todsicher in der äußersten Finsternis... Also raus, zu den Menschen, die uns nötig haben. Und vielleicht kommt der eine oder andere sogar auf den Gedanken, nicht nur entweder barmherziger Samariter oder Priester auf dem Weg zum Tempel zu sein, sondern beides: Vor oder nach der Tat des Mitleids kurz im Tempel, in der Kirche vorbeischauen, um Gott zu begrüßen. Denn der freut sich über jeden, der vorbeischaut. Wie einst die Hirten in Betlehem! Sie schauten vorbei, beteten und gingen. Und wer weiß, wie verwandelt sie waren.

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