Kolumne: Was Paare und Familie brauchen

Von Hubert Wissing

SPD und CDU haben bei ihren Bundesparteitagen im Dezember 2015 als Vorboten des nächsten Bundestagswahlkampfs umfangreiche Maßnahmenpakete zugunsten von Familien in Aussicht gestellt. Es scheint also eine verbreitete Ansicht zu sein, dass Paare und Familien unterstützungsbedürftig sind. Sicher können sie Unterstützung gut gebrauchen. Aber zunächst sollte doch gesehen werden, dass Paare und Familie als Basiseinheiten der Gesellschaft sehr viel, sogar erstaunlich viel selbst schaffen – aus eigener Kraft, mit Gottes Hilfe und auch aus Kräften, die erst aus der Solidarität in der Partnerschaft und in der Familie erwachsen. Stabile Partnerschaften und generationenübergreifende Verantwortungsgemeinschaften sind das Rückgrat der Gesellschaft, sie sind zuallererst Leistungsträger und Gestaltende und weniger Leistungs- oder gar Almosenempfänger. Bevor wir uns fragen, was sie zusätzlich brauchen, sollten wir darauf schauen, was sie davon abhalten könnte, ihr Potenzial zu entfalten. Es wäre schon einiges gewonnen, wenn es weniger Hindernisse und Bremsklötze für gelingendes Familienleben gäbe.

Ich denke dabei an eine Arbeitswelt, die häufig noch viel zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse von Familien nimmt, weil sie auf effiziente, nahezu allzeit verfügbare Arbeitskräfte setzt, auf Menschen, die teilweise bis zur Selbstausbeutung zu gehen bereit sind, auch weil sie häufig existenziell von der Teilhabe am Erwerbsleben abhängig sind. Ich denke an ein soziales Umfeld, in dem Mütter und Väter es angesichts der Erwartungen, mit denen sie konfrontiert werden, eigentlich nur verkehrt machen können: Indem sie ihre Kinder in den Augen Dritter entweder zu wenig oder zu viel oder einfach falsch fördern, indem sie entweder zu selbstbezogen ihre berufliche Karriere verfolgen oder leichtfertig durch berufliche Auszeiten ihre eigene soziale Absicherung aufs Spiel setzen.

Ich denke auch an eine Kirche, die – mindestens war das bis zur Bischofssynode im Oktober 2015 so – zwischen „regulären“ und „irregulären“ Familiensituationen unterscheidet und dabei keine Rücksicht auf die Komplexität der Gegenwartsgesellschaft und auch jeder einzelnen Biografie nimmt. Darum möchte ich die Frage etwas variieren. Nicht nur die Paare und Familien brauchen Rückenwind in Kirche und Gesellschaft und verdienen jedwede Unterstützung. Sondern auch umgekehrt: Kirche und Gesellschaft sind auf verbindliche, dauerhafte Partnerschaften und auf Familien angewiesen. Sie brauchen ihre gelebte Solidarität, als Modell und als Ort, an dem so vieles gelernt und grundgelegt werden kann für ein gelingendes Leben. Eine Gesellschaft und eine Kirche, die keine Rücksicht auf die Bedürfnisse von Familien nehmen und sie nicht gezielt fördern, gefährden weniger die – bemerkenswert robuste – Institution Familie als sich selbst.

Nicht nur für die Volksparteien, auch für die Kirche in Deutschland liegt hier, im Jahr 1 nach der Weltbischofssynode zu Fragen von Ehe und Familie, eine zentrale Herausforderung und Aufgabe. Familienleben ist vielfältig, häufig unordentlich, folgt einem eigenen Rhythmus, es ist ebenso zerbrechlich wie unschätzbar wertvoll. Paare und Familien brauchen von und in der Kirche Raum für Entfaltung und Wachstum – damit die Menschen spüren können, dass Leben in Fülle immer auch Leben in Beziehungen ist.

Der Autor ist Leiter der Arbeitsgruppe „Kirche und Gesellschaft“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Themen & Autoren

Kirche