Kolumne: Unbequeme Zusammenhänge

Von Heike Baranzke
Foto: Privat | Heike Baranzke.
Foto: Privat | Heike Baranzke.

Am heutigen Tag fallen der Welttierschutztag, der Namenstag des heiligen Franziskus und der Beginn des islamischen Opferfestes zusammen. Lässt diese explosive Mischung einen gemeinsamen Horizont zu?

Beginnen wir mit dem Welttierschutztag, den der 1942 in einem KZ ermordete jüdische Kynologe und Chefredakteur der Zeitschrift „Mensch und Hund“, Heinrich Zimmermann, schon 1924 zur internationalen Verbreitung des Tierschutzgedankens gefordert hatte. Am 8. Mai 1931 wurde seine Idee auf dem internationalen Welttierschutzkongress in Florenz beschlossen und am 4. Oktober 1931 erstmals der Welttierschutztag gefeiert – am Namenstag des heiligen Franziskus. 1933 hatten die Nationalsozialisten das erste deutsche Tierschutzgesetz erlassen, das weniger durch Tierliebe, denn durch antisemitische Motive motiviert war. Nicht nur zahlreiche Tiere, sondern bekanntlich auch KZ-Häftlinge wurden für die medizinische und militärische Grundlagenforschung auf bestialische Weise herangezogen, zugleich aber die betäubungslose religiöse Tierschlachtung verboten.

Der jüdische Tierschützer Zimmermann stand im Kontext einer sich im 19. Jahrhundert etablierenden Tierschutzbewegung. Diskutierten Gelehrte im 17. und 18. Jahrhundert vorwiegend theoretisch darüber, ob auch Tiere eine unsterbliche Seele haben und empfindungsfähig sind, wurden Philosophen und vor allem protestantische Geistliche im 19. Jahrhundert praktisch, gründeten Tierschutzvereine und forderten Tierschutzgesetze – signifikanterweise in den Ländern der Reformation. Um 1900 besannen sich die Katholiken auf die Schöpfungsspiritualität ihres heiligen Franziskus. Die Verlegung des internationalen Welttierschutztages auf seinen Namenstag, den 4. Oktober, machte ihn zum Tierschutzheiligen. 1979 beförderte Papst Johannes Paul II. Franziskus zudem höchstpersönlich zum Schutzpatron der Umweltschützer. Seitdem sind Tier- und Naturschutz auch in der katholischen Ethik hoffähig. In diesem Jahr will der islamische Mondkalender, dass das Opferfest am 4. Oktober, dem Welttierschutztag, beginnt. Dieses höchste islamische Familienfest gedenkt analog zur biblischen Abraham-Isaak-Erzählung der Auslösung des opferbereiten Abrahamsohnes Isaak durch einen von Gott herbeigeführten Widder – eine kulturgeschichtliche Erinnerung an die Ersetzung des Menschen- durch das Tieropfer. Daher werden beim Opferfest Schafe geschlachtet, deren Fleisch teils in der eigenen Familie verspeist, teils an Arme verschenkt wird.

Anders als in der christlichen Tradition steht in Islam und Judentum jede Schlachtung unter den religiösen Forderungen der Vermeidung unnötigen Leidens der Tiere und dem Verzicht auf den Genuss von Tierblut, das dem Schöpfer als Herrn des Lebens zurückerstattet wird. Damit erkennt der Mensch die Grenzen der Verfügung über seine Mitgeschöpfe an, weil das Blut als Sitz der Lebensseele galt. Laut Genesis 1 war das ursprünglich Paradies vegetarisch. Tiere für den Fleischverzehr zu töten ist ein Zugeständnis an Noah und uns als seine Nachkommen, die in einer nachsintflutlichen Realität leben, in der dem Schöpfer mit dem Tierblut wenigstens für jedes getötete Mitgeschöpf Rechenschaft geleistet werden soll. Dass ein derartiges religiöses Bewusstsein kein brutales Akkordschlachten zulässt, dürfte für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen auf der Hand liegen. Strittig ist heute, ob die Betäubung vor dem Schlachten eine Forderung der Barmherzigkeit darstellt oder nicht. All diese Hintergründe können auch säkular gesinnte Fleischesser stimulieren, tiefer über das diesjährige Leitmotto des Deutschen Tierschutzbundes nachzudenken: „Dauerhafte Billigpreise für Fleisch senken das Tierschutzniveau.“

Die Autorin lehrt theologische Ethik im FB A, Katholische Theologie, an der Bergischen Universität Wuppertal.

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