Kolumne: Strategien der Meinungsmacher

Von Elmar Nass
Foto: Archiv | Professor Elmar Nass.
Foto: Archiv | Professor Elmar Nass.

„Anders“ als der politisch korrekte Mainstream ist heute derjenige, der wie ich offen sagt: „Ich bin gegen eine Legalisierung aktiver Sterbehilfe. Ich halte die DDR für einen Unrechtsstaat. Ich bin überzeugter Christ und Priester.“ Diese Reihung klingt wie eine lupenreine Bestätigung des Klischees von einem vormodernen Zeitgenossen, einem, der eben „anders“ ist als die meisten. Um die große kulturelle Koalition der Anständigen nicht zu gefährden, werden Querdenker konvertiert.

Für solche „Konversion“ gibt es verschiedene Strategien des Main-Stream-Meinungsmanagements, je nach Typ des „Anderen“. Da gibt es den systemischen Typ. Der empfindet Kontroverse zunächst als Störung des inneren Gleichgewichts. Seine Meinung umzustimmen, wird mit Argumenten schwer möglich sein, denn die kommen ganz offen als Störenfriede des inneren Meinungsfriedens daher. Dann gibt es den kritisch-rationalen Typ. Der hält eigene und fremde Positionen stets für potenziell falsch. Als wirkungsvolles Meinungsmanagement eignet sich bei beiden Typen besonders gut die Konfrontation mit Einzelschicksalen. Der systemische Typ muss gefühlsmäßig betroffen gemacht werden. Der kritisch-rationale Typ springt auf vermeintliche Falsifizierungen seiner bisherigen Positionen an: Eine im Sterben schwer leidende Frau, niedliche Spreewaldgurken-Nostalgie und der nette Küster, dem eine Kirchengemeinde wegen seines Privatlebens gekündigt hat. Die durch solche Bilder ausgelösten Gefühle verändern beim systemischen Typ die Schwingungen im inneren Meinungskompass. Dem kritisch-rationalen Typ werden die mit den Einzelschicksalen vermeintlich widerlegten Positionen in Erinnerung gerufen: Wie kann der, der für Humanität ist, das Leiden der Frau wollen? Wie kann der, der die Lebensfreude der DDR-Zeit ernst nimmt, da von einem Unrechtsstaat sprechen? Wie kann der, der diesen netten Küster da sieht, noch zur Kirche stehen? Zudem zeigt die stete Wiederholung des politisch Korrekten dem Kritisch-Rationalen immer wieder neu auf, was bislang gesellschaftlich noch nicht als falsch erwiesen wurde, während „Anderes“ ausgeblendet wird. In den Diskussionen zur aktiven Sterbehilfe hören wir Theologen, die als Repräsentanten der Kirche die Freigabe fordern. Anderes liegt schon außerhalb des Denkmöglichen. DDR-Freunde kritisieren weitgehend unwidersprochen den Bundespräsidenten, weil er Stasi, Folter und Mauertote als Indizien eines Unrechtsstaates ausmacht. Ob da eine Geschichtsklitterung vorliegt, interessiert wenig.

Man muss lange suchen, bis man einmal Berichte findet über den großartigen Einsatz von Missionaren, die in Sierra Leone gegen Ebola kämpfen, von Krankenschwestern, die sich ausdrücklich christlich motiviert liebevoll um Kinder mit schwerer Behinderung kümmern, während solche Kinder meistens im Mutterleib getötet werden, oder von dem Pfarrer, der in seiner Gemeinde Tag für Tag kranke Menschen besucht. Stattdessen raten Steuerberater selbstverständlich zum Kirchenaustritt. Und natürlich sei – so wird suggeriert – vor allem die katholische Kirche der Ort systematischen Missbrauchs in jeder Hinsicht. Dabei ist das nicht nur empirisch widerlegt, sondern auch eine unerträgliche Stigmatisierung. Doch so erfolgreich wirkt das scheinbar unfehlbare Meinungsmanagement.

Merkwürdig nur, dass sich gerade unser politisch korrekter Zeitgeist in Anlehnung an Jürgen Habermas die Achtung des „Anderen“ auf die Fahnen schreibt. Darauf wies mich neulich ein überzeugter Alt-68er hin, der die Ziele seiner früheren Freiheitskämpfe durch eine postmoderne Avantgarde verraten sieht, die auf subtile Art neue Formen der Xenophobie und Zensur kultiviert. Seit diesem Gespräch habe ich eine neue Meinung über die 68er. So geht Konversion der Freiheit.

Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe Hochschule Fürth.

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