Kolumne : Spirituelles Kapital

Von Michael Schramm

Religion und Wirtschaft sind zwei verschiedene Dinge. Mit einer spirituellen Kompetenz als solcher ist noch keine ökonomische Kompetenz verbunden. Kurz und bündig erklärt der Dalai Lama dazu: „Alle Erleuchteten sind voll des Wissens, aber sie haben von nichts eine Ahnung“. Um etwa ein Unternehmen erfolgreich führen zu können, braucht man schlicht und ergreifend unternehmerisches Talent – so auch christliche Unternehmer wie Klaus Dieter Trayser: „Das Ziel, ein christliches Unternehmen formen [...] zu wollen, halte ich für den gleichen Unsinn wie die Absicht, seine Mundpflege mit einer christlichen Zahnbürste vorzunehmen.“

Und doch können religiöse Überzeugungen einen Einfluss auf die Wirtschaft haben, kann Religion – oder allgemeiner: „Spiritualität“ – ein Vermögen sein, das ökonomisch produktiv, also zu einem „Kapital“ wird. Das muss nicht sein, denn Religion kann auch kontraproduktive Wirkungen haben. „Religion ist keineswegs notwendigerweise gut. Sie kann sogar sehr schlimm sein“, so der Philosoph Alfred N. Whitehead. Aber sie kann eben auch, wenn es sich um eine vernünftige Religion und nicht um einen wahnhaften Fundamentalismus handelt, als „spirituelles Kapital“ wirken. Inwiefern? Ich möchte zwei Punkte hierzu herausgreifen.

Die grundlegende Unterscheidung der Religion ist die Unterscheidung zwischen Gott und Welt – oder vornehmer: zwischen Transzendenz und Immanenz. In der christlichen Religion ist Gott die vollkommene Liebe (1 John 4,8). Die Rückseite dieser Aussage ist die Erkenntnis, dass die Welt eben nicht Gott ist, nicht vollkommen ist. Mit dieser Erkenntnis kann die Religion aber all jene „Ersatztheologien“ erkennen, mit denen Menschen oder Systemen ein quasi-göttlicher Status angedichtet wird. So hat zum Beispiel Jeff Skilling, früherer Chef des wegen Bilanzfälschungen zugrunde gegangenen Unternehmens Enron, seinerzeit erklärt: „Das war kein Job. Das war eine Mission. [...] Wir haben Gottes Werk getan.“ Die Selbstvergötterung dieses Herrn kam uns teuer zu stehen. Und wenn die Religion solche Ersatztheologien kritisiert, wird sie zu einem spirituellen Kapital. Eine ökonomistische Ersatztheologie liegt auch bei Friedrich August von Hayek – trotz vieler anderweitiger Verdienste – vor: „Eine wirksame Verteidigung der [Markt]Freiheit muss [...] notwendig unbeugsam, dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an Zweckmäßigkeitserwägungen machen.“ Nun ist der freie Markt sicher ein vielfach zweckmäßiges Instrument, aber einen (pseudo)göttlichen Status hat er sicher nicht. Die theologische Kritik solcher „Ersatz-Theologien“ wird hier zu einem „spirituellen Kapital“, denn regelmäßig kommt es uns außerordentlich teuer zu stehen, wenn wir solchen „Ersatz-Theologien“ verfallen.

Zweitens besteht die vielleicht wichtigste Funktion eines „spirituellen Kapitals“ darin, zu einer (Moral)Kultur beizutragen, die uns vor dem Abrutschen in einen einseitigen „Vulgärkapitalismus“ bewahrt. Kapitalistische Systeme tendieren dazu, die Vielfalt wichtiger menschlicher Interessen auf einen einzigen Typus einzuschmelzen: nämlich monetäre Interessen. Demgegenüber verkörpert die Religion schon als solche andere Interessen, religiöse oder moralische Interessen etwa. Das religiöse Bewusstsein, dass Geld nicht das Letztgültige ist, kann hier wiederum zu einem „spirituellen Kapital“ werden. Denn das Bewusstsein einer letzten „Transzendenz“ bewahrt kulturell vor einem „Vulgärkapitalismus“, der vergessen hat, dass es neben dem Geld noch andere Werte gibt. Erneut bringt es der Dalai Lama auf den Punkt: „Jeder liebt das Geld, mich eingeschlossen. [...] Aber neben dem Geld gibt es noch andere Werte“.

Michael Schramm ist Professor für „Katholische Theologie und Wirtschaftsethik“ an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim.

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