Kolumne: Personalität und Digitalisierung

Dr. Marco Bonacker
Foto: privat | Dr. Marco Bonacker.

Auch Philosophie und Theologie müssen sich mit dem Zukunftsthema Digitalisierung beschäftigen, denn der Mensch als Mittelpunkt von Gesellschaft und Ökonomie ist hier herausgefordert: Technischer Fortschritt macht es möglich, Arbeitsprozesse zu dezentralisieren, die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Leben aufzulösen, die Erreichbarkeit und Vernetzung untereinander zu perfektionieren und schließlich den Menschen als Akteur in vielen Bereichen völlig abzulösen. Robotik und künstliche Intelligenz schaffen neue Leistungsstandards: Der Algorithmus arbeitet besser, billiger, einfach effizienter. Die vermenschlichte Maschine übernimmt zutiefst menschliche Aufgaben. Sogar in sozialen Kontexten wie der Pflege.

Diesen Veränderungsprozessen ist gemeinsam, dass die Person nicht mehr oder jedenfalls immer weniger als Körper und Seele gleichermaßen vorkommt. Wenn der Mensch als Person immer noch eine Leib-Seele-Einheit ist („anima forma corporis“), bedeutet Digitalisierung dann eine neue Form der Entnaturalisierung der Person in ihrer ganzheitlichen Existenz? Auf der einen Seite spielt der Körper als manifestes Gegenüber eine immer geringere Rolle: Bankgeschäfte, Einkäufe, Amtsgänge, Konferenzen werden körperloser denn je. Aber natürlich ist der Körper auf der anderen Seite nicht einfach obsolet: Die basalsten körperlichen Notwendigkeiten (Essen oder Schlaf) werden heute schon durch digitale Optimierung mitgesteuert. Der Mensch ist nicht mehr nur Auftraggeber, sondern auch Befehlsempfänger: „Jetzt ist der optimale Moment, geweckt zu werden“, „Du solltest jetzt eine Zwischenmahlzeit einnehmen“ – das sind noch harmlose Vorboten einer neuen maschinellen Nudging-Kultur künstlicher Intelligenz (KI). Welchen Standort wird der Mensch in einer Welt intelligenter Maschinen haben?

Die Leib-Seele-Maschine-Einheit, der sogenannte Cyborg, ist eine Möglichkeit. Was zunächst erschrecken klingt, gibt es heute schon: Träger von Hörimplantaten oder Herzschrittmachern, sind bereits Menschen, die nicht ohne technische Hilfe leben können. Und keinen erschreckt das. Maschinen als Teil des Menschen entmenschlichen nicht. Digitalisierung und Technisierung werden dann zum Problem, wenn der Mensch nicht mehr Herr im eigenen Haus sein kann. Nur er ist als Person ethisches Wesen, nur er ist unterscheidungsfähig und am Ende verantwortlich. Kirchliche Strategie muss diesen Aspekt beinhalten: Den Menschen als Person in seiner unhintergehbaren Unverfügbarkeit, der „Ökologie des Menschen“ (Papst Benedikt XVI.), im Blick behalten.

Der Autor ist Referent in der Katholischen Akademie Bonifatiushaus in Fulda.

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