Kolumne: Paradox: Soziale Gerechtigkeit

Von Professor ElMar Nass
Foto: Archiv | Professor Elmar Nass.
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Wer will (im Wahlkampf) schon gegen die soziale Gerechtigkeit sein? Die Wurzeln ihres Gutseins reichen bis in die Antike. Um die Gerechtigkeit als Staatsziel ging es schon den alten Griechen. Aufklärung, moderne Sozialphilosophie und Kirchen halten sie hoch. Die soziale Gerechtigkeit als deren Spielart genießt eine noch breitere Beliebtheit. Denn der Zusatz „sozial“ suggeriert zusätzlich ein Plus moralischer Güte. Es schwingt ihr immer auch eine Idee der Gleichheit mit, über deren Ausmaß aber keineswegs Einigkeit herrscht. Das ist paradox: Soziale Gerechtigkeit ist ein konsensfähiges Gut, über deren Semantik kein Konsens besteht.

Wer Deutungshoheit über die soziale Gerechtigkeit gewinnt, wie jetzt das linke politische Spektrum, kann ihre Semantik bestimmen. So lassen sich eigene Inhalte meinungsbildend verbreiten. Als gut, weil sozial gerecht, gilt deshalb wie selbstverständlich alles, was mehr Nivellierung durch mehr staatlich verordnete Umverteilung schafft: Reichen- und Vermögenssteuer, Erhöhung von Erbschafts- und Unternehmensbesteuerung, Staatsschulden für mehr soziale Wohltaten, europäische Schuldenunion, Vorrang der Bedarfs- vor der Leistungsgerechtigkeit, der Solidarität vor der Subsidiarität, Abbau der Privilegien von Kirche und Familie, Einheitsschulen mit Inklusionszwang und anderes mehr. Man könnte meinen, all die genannten Forderungen seien unbestritten legitim. Wer dagegen Position bezieht, müsse doch ein Gegner der sozialen Gerechtigkeit sein, und allein deshalb moralisch disqualifiziert.

Soziale Gerechtigkeit heißt aber nicht automatisch mehr Egalisierung. Gerechtigkeit ist jenseits des Rechtspositivismus das der Menschenwürde entsprechende Recht, als soziale Gerechtigkeit das der Menschenwürde entsprechende Verteilungsrecht. Sie ist ein ethischer Begriff, der seine Semantik erst durch eine Vorstellung vom Menschen und seiner Würde gewinnt. Wer über soziale Gerechtigkeit sinnvoll diskutieren will, muss sein Verständnis von Menschenwürde offenlegen und daraus schlüssig Regeln zur (Re)Distribution knapper Ressourcen begründen. Das heißt, es gibt neben sozialistischen auch liberale, christliche und andere Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit. Keine dieser Positionen ist per se sozial gerechter als die andere. Denn alle sind nur Interpretationen. Eine wie auch immer erhobene Deutungshoheit ist deshalb anmaßend.

Die Frage lautet nicht, ob, sondern welche soziale Gerechtigkeit wir wollen. Christlich-soziale Gerechtigkeit statt Sozialismus hat etwa folgende Konturen: Gottesebenbildlichkeit begründet unbedingte Würde. Der Mensch ist moralische Person mit Eigen- und Sozialverantwortung, die er entfalten (können) soll. Das Zusammenleben soll bestimmt sein von einem auch affektiven Miteinander, jenseits von (politischen, ökonomischen, religiösen, Gender- und anderen) Kampfideologien. Effizienz und Humanorientierung kommen etwa in der Sozialen Marktwirtschaft zum Ausgleich, wobei der Markt der personalen Entfaltung dient. (Um-)Verteilung garantiert – anders als im freien Markt – unbedingte Hilfsrechte der Schwachen und fordert – anders als im Wohlfahrtsstaat – unbedingte Pflichten zur Selbsthilfe der Fähigen. Leistungsgerechtigkeit darf nicht durch Steuerschrauben abgewürgt werden. Anreize für Kreativität zu privaten Innovationen und Investitionen ersetzen Etatismus und schaffen Arbeit. Solidität öffentlicher Finanzen und (Euro-)Vertragstreue stärken Vertrauen und ermöglichen Freiheit für kommende Generationen. Unterschiedliche individuelle Talente verdienen durch Diversität im Schulsystem gleiche Würde und darauf abgestimmte Förderung. Die Privilegierung von Kirche und Familie stärkt ein werteorientiertes Gemeinwohl, das kulturell gleichgültige Demokratien nicht selbst aus sich hervorbringen. Es ist Zeit, nicht nur im Wahlkampf, für eine christlich-soziale Gerechtigkeit zu streiten.

Der Autor ist katholischer Priester und lehrt Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe-Hochschule in Fürth.

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