Kolumne: Nur Gott kann Nationen retten

Von Peter Koslowski
Foto: Archiv | Peter Koslowski
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Eine der Paradoxien des Apostels Paulus ist, dass er in Galater 6,2 sagt: „Einer trage des anderen Last“ und drei Zeilen später ausführt: „Denn ein jeglicher wird seine Last tragen.“ Der Islam betont gegen die christliche These, dass einer die Last der Menschheit getragen hat, den zweiten Teil der Paulus-Stelle. Dem ist insofern zuzustimmen, dass die These, dass einer die Last der Menschheit getragen hat, nicht bedeutet, dass sterbliche Menschen unbegrenzt die Lasten anderer tragen können. Auch können nicht Nationen unbegrenzt die Lasten anderer Nationen tragen – vor allem nicht, wenn sich diese fahrlässig und schuldhaft in Not gebracht haben. Dies gilt auch für die Bundesrepublik in der Europäischen Union.

Für die Katholische Soziallehre ist es entscheidend, die Zusammengehörigkeit beider Stellen gegen das Missverständnis unbegrenzter Solidarität zu betonen, das sich im Zuge der Sozialdemokratisierung der Christlichen Soziallehre in beiden Konfessionen eingeschlichen hat. Solidarität ist niemals unbegrenzt, weil die Ressourcen des Menschen nicht unbegrenzt sind, sondern beruht auf Beitragsleistungen und auf Gegenseitigkeit. Im Streikfall bezahlt die Gewerkschaft Streikausfallgeld nur an Gewerkschaftsmitglieder, die Beiträge bezahlt haben. Die Gesetzliche Krankenversicherung bezahlt nur an jene, die Krankenkassenbeiträge geleistet haben, et cetera.

Nur beim Europäischen Stabilisierungsmechanismus ist es anders. Hier zahlen die Nationen, die vernünftig gewirtschaftet haben, an jene, die über ihre Verhältnisse gelebt haben – und dies, ohne dass irgendein Prinzip der Gegenseitigkeit garantiert, dass im Falle des umgekehrten Verhältnisses die heutigen Nehmerländer in Solidarität für die heutigen Geberländer einstehen werden. Zu glauben, dass Griechenland als griechisch-orthodoxes Land, dessen Kirche einen ziemlich ungebremsten Nationalismus praktiziert, für katholische und protestantische, lateinische Länder eintreten wird, fällt schwer.

Kann man seinen Enkeln wünschen, in solch einer Union zu leben? Die Antwort ist negativ. Unsere Enkel werden bereits durch die gegenwärtigen Transfers in ihrer Zukunft geschädigt. Sie leben bereits in einer EU, die zum Gespött der Welt geworden ist, die China um Finanzierung ihrer Schulden bitten muss, die in der Illusion lebt, die einzig soziale Großmacht zu sein, obgleich sie keine Macht in der Welt hat. Die Europäische Union hat längst in der Welt „ihr Gesicht verloren“, wie die Bewohner Asiens sagen würden. Herr Juncker ermahnt die Bundesrepublik, ihr Scheckbuch noch schneller zu zücken, anstatt wegen des vollständigen Versagens der Euro-Zone, deren Chef er ist, zurückzutreten. Nicht ein Verantwortlicher in Brüssel ist wegen des Teilbankrotts der Euro-Zone zurückgetreten. In Griechenland und Italien regieren Regierungschefs, die mit der Pleite der Euro-Zone in der Vergangenheit in anderen Ämtern verbunden waren. In ihrer unglaublichen Drohung an die Bundesrepublik, dass die Deutschlandfeindlichkeit in ihren Ländern zunehmen werde, wenn Deutschland nicht zahle, sind sie sich einig.

Es ist die Pflicht der deutschen katholischen Bischöfe, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen und die Rechte ihrer Gläubigen zu verteidigen. Es ist die Pflicht des Papsttums, die katholischen Länder zu erinnern, dass sie nicht auf Kosten Deutschlands, das ja auch zur Hälfte ein katholisches Land ist, leben können. Beide, die deutschen Bischöfe und der Bischof von Rom, müssen die EU und die deutsche Regierung nicht nur an Galater 6,2, sondern auch an Galater 6,5 erinnern, weil anders unsere Enkel nicht mehr in der EU sein werden. Denn es wird die EU nicht mehr geben, wenn sie weiterhin so handelt.

Die Vorstellung, die Bundesrepublik könne Nationen retten, ist lächerlich, weil auch sie nur geben kann, was sie vorher genommen hat. Nur Gott kann geben, ohne zu nehmen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Amsterdam in den Niederlanden.

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