Kolumne: Modernes Lebenskonzept

Von Josef Lüttig
Foto: Archiv | Josef Lüttig.
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Wie kaum ein anderer Aspekt wird die „Nächstenliebe“ landläufig mit der Botschaft Jesu Christi und mit dem Christentum assoziiert. Doch ist sie wirklich noch eine relevante Antwort auf die sozialen Fragen unserer Gesellschaft? Wird sie benötigt in einer Zeit vielfältiger sozialer Absicherungen, löst sie Fragen der heutigen komplexen Gesellschaft?

Die Länder der Euro-Zone sehen sich momentan kritischen Zukunftsfragen ausgesetzt. Einzelne Volkswirtschaften sind bereits spürbar von der Krise betroffen. Auch wenn Deutschland stabiler zu sein scheint als Länder etwa in Südeuropa, sind Wohlstand und soziale Gerechtigkeit auch bei uns keine Selbstverständlichkeiten, keine Selbstläufer. Demographische Entwicklungen, die Verarmung insbesondere von Familien und älteren Menschen, die Migrationsbewegungen in einer globalisierten Welt, ethische Fragestellungen zu Beginn und Ende des menschlichen Lebens und die Finanzierbarkeit der sozialen Notwendigkeiten können nicht einfach mit einem Zauberwort wie „Nächstenliebe“ beantwortet werden.

Die Politik ist gefragt, die Gestaltung des Gemeinwesens gehört zu ihrer Zuständigkeit. Die Politik hat für die soziale Daseinsvorsorge einzustehen und sie tut dies auf den unterschiedlichen Ebenen anhand einer mehr oder weniger systematischen Sozialplanung. Die Schaffung von gesellschaftlicher Teilhabe ist dabei handlungsleitendes Motiv. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen sind jedoch nicht selten der begrenzende Faktor. Die sozio-ökonomischen Strukturen von Bundesländern, Landkreisen und Kommunen haben sich in den letzten Jahren stark dynamisiert und auseinanderentwickelt. Insgesamt wird jedoch bereits von einer Verarmung des öffentlichen Sektors gesprochen. Kostenträger und Leistungsanbieter, etwa der Behindertenhilfe, ringen seit geraumer Zeit bereits um die Finanzierung von Standards, die sogar an vielen Stellen noch hinter den Menschenrechten auf Inklusion zurückbleiben. Zwar ist Sozialgesetzgebung als normgebende Grundlage für Sozialplanung immer schon Ergebnis von Aushandlungsprozessen gewesen, dennoch hat die Sozialpolitik heute eine umfassendere Bedeutung. Ihr kommt die Rolle eines wesentlichen Wettbewerbsfaktors zu. In einer immer stärker wissensbasierten Wirtschaft sind Investitionen in Menschen, insbesondere in Kinder und Jugendliche, keine Ressourcenvernichtung, sondern volkswirtschaftlich sichere Erzielung eines nachhaltigen Mehrwerts. Wirtschaftliches Wachstum ohne einen sozialen Ausgleich ist in der heutigen Welt ethisch nicht zu rechtfertigen und dauerhaft nicht zu erhalten.

Aber in Deutschland fallen 14,5 Prozent der Menschen unter die Gruppe der relativen Einkommensarmut. Der Reichtum ist in Deutschland zunehmend ungleich verteilt. Die Frage nach Teilhabegerechtigkeit, nach Bedarfsgerechtigkeit und vor allem nach Befähigungsgerechtigkeit ist gestellt. Das in der Verfassung grundgelegte Sozialstaatsprinzip darf nicht ausgehöhlt werden. Es ist mit dem zugrunde liegenden Menschenbild, dass jedem Mensch dieselbe Würde zukommt, durch eine offensive Sozialpolitik zu konkretisieren. Prävention ist an dieser Stelle sicher der richtige Ansatz. Teilhabe für Arme, für Fremde und alte Menschen, sowie für Menschen mit Behinderungen ergibt sich aus diesem Prinzip. Und doch kann Politik nur die Rahmenbedingungen setzen. Zur Teilhabe gehören auch die Starken einer Gesellschaft: Sie müssen nämlich teilhaben lassen. Und genau darin kann heute Nächstenliebe konkret werden. Teilhabe zu gewähren, heißt Begegnung zu ermöglichen, heißt Inklusion statt Exklusion. Es gibt schöne Beispiele solch bürgerschaftlicher Lebensformen. Die Menschen, die sich hierfür entscheiden, berichten, dass diese Form der Nächstenliebe psychologisch keine patriarchalen Grundstrukturen verträgt, sondern dass Teilhabe beide beschenkt, den Teilhabe-Gewährenden wie den Teilhabe-Erhaltenden. Nur so kann ein modernes Gemeinwesen zukunftsfähig sein! Für dieses Gemeinwesen lohnt es sich, sich zu engagieren. Es ist ein Engagement auch für unsere Kinder und Enkel. Nächstenliebe gefragt? Ja, Nächstenliebe ist gefragt – und sie ist ein modernes Lebenskonzept!

Der Autor ist Direktor des Caritasverbandes des Erzbistums Paderborn.

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