Minsk

Kolumne: Menetekel in Minsk

Für Staaten der Transition in Osteuropa wird der Weg zur Demokratie nur mit Unterstützung der EU und gezielter Politikberatung der Kirche gelingen.

Proteste in Belarus
Gewalt gegen Demonstranten: Der Weg zur Demokratie in Belarus ist weit. Foto: Uncredited (AP)
Kolumne: Menetekel in Minsk
Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Der Autor ist Di... Foto: KNA

Bekannt ist die Menetekel-Erzählung am Hofe des Königs Belsazar im alttestamentlichen Buch Daniel: Als der Prophet Daniel dem gotteslästerlichen König die Flammenschrift der Hand an der Wand „Mene mene tekel u-parsin“ (Gezählt, gewogen und für zu leicht befunden: Dan 5, 24–28) erklärt, bezieht er sich nicht nur auf die Verhöhnung der aus dem Tempel in Jerusalem geraubten heiligen Gefäße durch den König und seinen Hof, sondern mehr noch auf die Gewalt des Königs gegenüber den lebendigen Gefäßen Gottes, den Menschen, und auf die Rechenschaft des Herrschers Gott gegenüber: „Der höchste Gott gebietet über die Herrschaft bei den Menschen...“ (Dan 5, 21) Das ist in der Tat seit alttestamentlicher Zeit Aufgabe der Propheten und Aufgabe der Kirche: die Stimme im Namen Gottes zu erheben, wenn unschuldigen Menschen Gewalt angetan wird, denn jeder Mensch ist Ebenbild Gottes, und jede Herrschaft unter Menschen muss sich Gott gegenüber verantworten, wie es so eindrucksvoll die Präambel unseres Grundgesetzes unterstreicht: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen...“

Das Recht der Kirche: Menschenrechte einklagen

Wenn daher der belorussische Diktator Lukaschenko zu Beginn der Demonstrationen in Minsk mit Blick insbesondere auf die sehr bald regimekritische katholische Kirche sagte: „Die Priester sollen die Klappe halten und sich aus der Politik heraushalten!“, dann ist dem entschieden mit dem Buch Daniel zu widersprechen: Die Kirche hat immer die Sorge für verschiedene geweihte Gefäße, Gegenstände und vor allem Menschen, und sie hat immer zwei Orte des Gottesdienstes, die Kirche der Liturgie und den Marktplatz der Politik. Menschenrechte sind Gottesrechte, und daher steht die Kirche in Minsk wie überall auf der Welt in der Pflicht Gottes, die unveräußerlichen Rechte des Menschen einzuklagen, in Diktaturen wie auch natürlich in sozialstaatlich organisierten Demokratien.

Und manchmal gibt es sogar so unbequeme Propheten wie den tapferen Familienvater Franz Jägerstätter, der für seine Überzeugung vom Unrecht des Wehrdienstes fern von Frau und Kindern von den Nazis im Gefängnis in Brandenburg 1943 hingerichtet wurde!

Ein weiter Weg zur Demokratie

Meine belarussischen Freunde, Kapuziner in Minsk, erzählen mir allerdings auch: Gäbe es jetzt einfach Neuwahlen, dann wäre das Ergebnis schlicht und erschreckend eine Oligarchie, also eine Herrschaft der Reichen und Millionäre, die sich die nötigen Stimmen kaufen, um weiter ungestört Geschäfte und Reichtum zu vermehren. Das zeigt deutlich ein Blick auf die schwankende Ukraine, und gerade das macht den Aufbau von Demokratie und Sozialstaat so mühsam: Es braucht Zivilgesellschaft und Mittelstand und unabhängige Justiz und echte Parteien mit unterschiedlichen durchdachten Programmen (und nicht einfach nur Republikaner und Demokraten, um einmal ein ganz anderes abschreckenderes Beispiel von Demokratieversagen zu bemühen...) Bis dahin ist es für die Staaten der Transition in Osteuropa (Belarus, Moldawien, Ukraine) und auf dem Balkan ein weiter Weg, der nur mit tatkräftiger Unterstützung der EU und gezielter Politikberatung der Kirche gelingen kann.

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