Mönchengladbach

Kolumne: (Keine) Angst vor China

Ein Stocken des Wirtschaftsbooms in China wirkt sich auch auf die europäische Wirtschaft aus.
Abhängigkeit von China
Foto: Christian Charisius (dpa) | Ein Container-Stapler ist auf dem Container Terminal Tollerort (CTT) der Hamburg Hafen und Logistik AG (HHLA) unterwegs. Probleme in der chinesischen Wirtschaft wirken sich in Europa aus.

Wenn in China das Wachstum stockt, zittert Europa. Grund dafür ist unsere wirtschaftliche Abhängigkeit vom Reich der Mitte. Also bloß keinen Sand ins Getriebe des chinesischen Booms streuen. Die USA haben das hie und da gewagt. Und am Ende sogar einige „Deals“ herausgeschlagen. Die haben zwar nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Aber immerhin wurde die chinesische Selbstherrlichkeit auf den internationalen Märkten in Frage gestellt. Diese zeigt sich etwa in Knebelverträgen zur Umgehung von Patenten und Lizenzen oder gezielten Aufkäufen von Unternehmen in Europa. Wir beobachten einem expandierenden wirtschaftlichen Imperialismus Chinas auf dem Balkan und in weiten Teilen Afrikas.

Ökonomische Abhängigkeiten

Zunehmende ökonomische Abhängigkeiten sind flankiert von einer beispiellosen Aufrüstung. Vormachtstellung in der Welt ist das Ziel. Je näher es rückt, umso schärfer wird auf unerwünschte Kritik reagiert: Die Offenlegung der Menschenrechtsverletzungen durch „Human Rights Watch“ sei eine Lüge. Die Freiheitsprotestler in Hongkong seien Staatsfeinde. Selbstverständlich verbitte man sich Parteinahmen aus dem Ausland. Gleiches gilt für das immer lautere Säbelrasseln gegenüber Taiwan. Unsere Reaktionen darauf sind verschüchtert, weil wir abhängig sind.

Eine Marktethik verbietet die Abschaffung des Individuums wie staatlich gelenkte Verzerrungen des Wettbewerbs.

Fällt Deutschland etwa durch Kritik an Verstößen gegen die Menschenrechte bei der KP Chinas in Ungnade, so werden die nächsten Großaufträge eben an Frankreich oder Großbritannien vergeben. Das süße Gift des „divide et impera“ zeigt seine subtile Wirkung. So wurden Huawei kritiklos die Tore zum deutschen Markt geöffnet. Und Angela Merkel forderte bei der Entgegennahme des Henry-Kissinger-Preises, man dürfe China, das „eher kommunistisch als demokratisch“ sei, nicht ausgrenzen. Sanfte Töne, die womöglich der deutschen Wirtschaft (allenfalls mittelfristig) nützen werden.

Ethischer Widerspruch

Sie widersprechen aber jedweder Ethik: Eine Vernunftethik im Sinne Kants verbietet die Versklavung von Menschen. Eine Diskursethik von Habermas verbietet Angst und Gewalt im Prozess der Meinungsbildung. Eine Marktethik verbietet die Abschaffung des Individuums wie staatlich gelenkte Verzerrungen des Wettbewerbs. Eine religiöse Ethik verbietet darüber hinaus auch die Unterdrückung der Religion ebenso wie die menschliche Hybris eines irdisch-atheistischen Weltregiments. All diese Tabus fallen unter dem perfekt-perfiden Kontrollregime der KP, das mit immer neuen digitalen Möglichkeiten immer wirkungsvoller Freiheit, Würde und Religion mit Füßen tritt.

Diese aggressive Mission sollten wir ausgrenzen. Das erfordert eine konzertierte europäische Position. Nur die Überwindung nationaler Egoismen entzaubert das süße Gift. Sie kann gegen den schleichenden Imperialismus immunisieren. Im Dienst der Unterdrückten könnten wir wieder offen das Menschenrecht in China einfordern. Und kommende Generationen werden es wertschätzen, dass für uns heute Wirtschaft und Ethik kein Widerspruch sind.

 

Der Autor, Elmar Nass, ist katholischer Priester und Sozialethiker mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsethik. Er lehrt seit 2013 als Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe-Hochschule für angewandte Wissenschaften in Fürth.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Predrag Fred Matic
Europa
Gewonnen hat die Abtreibungslobby Premium Inhalt
Geschlossen stimmten in Brüssel Linke, Sozialisten, Grüne und Liberale für den Matic-Bericht, der Abtreibung für ein Menschenrecht hält und die Gewissensfreiheit einschränkt.
01.07.2021, 13  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Elmar Nass Bundeskanzlerin Angela Merkel Demokratie Huawei Human Rights Watch Immanuel Kant Kommunismus Kommunistische Partei Chinas Menschenrechte Menschenrechtsverletzungen Religiöse Ethik

Kirche