Kolumne: Kann Wachstum Sünde sein?

Von Thomas Berenz

Vor einhundert Jahren, am 31. Juli 1912, wurde der wohl umstrittenste und zugleich politisch einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts geboren: Milton Friedman (1912–2006). Eine seiner viel zitierten Thesen (die er allerdings später selber gerne relativierte) setzte der Wirtschaftsnobelpreisträger und bekannteste Vertreter der ökonomischen Denkrichtung der „Chicago School of Economics“ im September 1970 als Titel über einen Artikel im New York Times Magazine. Sie lautet: „The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“. Die These, nach der die einzige soziale Verantwortung von Unternehmen darin besteht, im Sinne des Strebens nach Gewinnmaximierung das erwerbswirtschaftliche Prinzip strikt zu beachten, lässt einen Wirtschaftsethiker zunächst zusammenzucken. Gerade die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wohin zumindest hemmungsloses und kurzfristiges Gewinn- und Wachstumsstreben von Unternehmen geführt haben. Die Finanz- und Wirtschaftskrisen dürfen durchaus als Ergebnis und Folge eines radikal-liberalen Denkens stehen, das einzig die Profitmaximierung im Blick behielt. Doch ist die Aussage Friedmans tatsächlich so verwerflich, wie sie im ersten Moment erscheinen mag?

Ureigenste soziale Aufgabe eines Unternehmens ist es doch, die Lebens- und Kulturbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Der Gewinn ist dabei nicht nur eine wünschenswerte, sondern, der Logik des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs folgend, sogar notwendige Folgewirkung des unternehmerischen Handelns. Wird kein Gewinn erzielt, ist die Aufgabe der Bedürfnisbefriedigung nicht oder nur unzureichend erfüllt. Ohne Gewinn aber ist eine Partizipation am Wettbewerb über kurz oder lang nicht mehr möglich. Gewinn ermöglicht erst Innovation und Wachstum und damit Fortschritt und Fortbestand des Unternehmens. Auch aus Sicht der Katholischen Soziallehre ist Gewinn und Wachstum oder das Streben danach keineswegs verwerflich oder gar als menschliche Schwäche und erst recht nicht als Sünde zu betrachten. In seiner Enzyklika „Centesimus annus“ (1991) schreibt Papst Johannes Paul II.: „Die Kirche anerkennt die berechtigte Funktion des Gewinnes als Indikator für den guten Zustand und Betrieb des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen mit Gewinn produziert, bedeutet das, dass die Produktionsfaktoren sachgemäß eingesetzt und die menschlichen Bedürfnisse gebührend erfüllt wurden.“ Wenngleich sich Katholische Soziallehre und die These Milton Friedmans sich an dieser Stelle sehr nahe kommen, so nennt die Enzyklika einen Punkt, der Friedmans These entscheidend erweitert: Der „Zweck des Unternehmens ist nicht bloß die Gewinnerzielung, sondern auch die Verwirklichung einer Gemeinschaft von Menschen, die auf verschiedene Weise die Erfüllung ihrer grundlegenden Bedürfnisse anstreben und zugleich eine besondere Gruppe im Dienst der Gesamtgesellschaft darstellen. Der Gewinn ist ein Regulator des Unternehmens, aber nicht der einzige. Hinzu kommen andere menschliche und moralische Faktoren, die auf lange Sicht gesehen für das Leben des Unternehmens ebenso entscheidend sind.“ Die Soziale Marktwirtschaft verfolgt gerade dieses Anliegen wie kein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Sie verbindet innerhalb eines Ordnungsrahmens das Prinzip der Freiheit auf dem Markt und das Instrument der Wettbewerbswirtschaft mit dem Prinzip der Solidarität und den Mechanismen des sozialen Ausgleichs. Für Reinhard Kardinal Marx, dem Erzbischof von München-Freising und Vorsitzenden der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, war es daher auch ein Anliegen, Anfang Juni diesen Jahres an der ehemaligen Wirkungsstätte Milton Friedmanns, der Universität von Chicago, für die Idee einer globalen Sozialen Marktwirtschaft zu werben. Erst wenn erkannt wird, dass Gewinn und Wachstum zwar keine Sünde sind, dass darüber hinaus aber Freiheit und Verantwortung eines Unternehmens miteinander verbunden sein müssen, kann es gelingen, auch die Globalisierung zu gestalten. Ob Milton Friedman dem zugestimmt hätte? Man weiß es nicht. Aber es bliebe zu hoffen.

Der Autor ist wissenschaftlicher Referent an der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ), Mönchengladbach. Weitere Kolumnen unter www.ksz.de

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