Kolumne: Jenseits von Fake

Von Elmar Nass
Foto: Archiv | Professor Elmar Nass.
Foto: Archiv | Professor Elmar Nass.

Fake statt Fakten. Einflussnahme durch Lügen auf den Wahlkampf in den USA und jetzt in Deutschland fordern die westlichen Demokratien heraus. Facebook und andere digitale Medien zur Verbreitung sind im Fadenkreuz.

Vor allem Russland wird da als Drahtzieher identifiziert, die Marionetten der Welt an ihren Fäden tanzen zu lassen. Wer auch immer tatsächlich dahintersteckt: „Postfaktische“ Informationen und Meinungsmache richten ökonomischen, politischen und persönlichen Schaden an. Sie manipulieren Stimmungen, Geldflüsse und Börsenkurse. Sie zerstören Vertrauen, verhelfen fragwürdigen Unternehmenspraktiken am Markt zum Erfolg und hieven womöglich absonderliche Personen und Parteien nach oben oder gar an die Macht.

„Folgenschwere Lügen

in Politik und Wirtschaft sind gar nichts Neues und in allen

politischen Lagern

verbreitet“

Erstaunlich nur, dass jetzt damit in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem politische Kräfte links der Mitte als die Fake-Opfer bestaunt werden, die es zu schützen gelte. Frei nach Oskar Lafontaine scheint sich mal wieder zu bestätigen, dass das gute Herz der Demokratie eigentlich links schlage. Der verlogene Bösewicht müsse dann doch eindeutig woanders politisch verortet sein und am besten in einem neuen „Aufstand der Anständigen“ niedergerungen werden.

Die Empörung über nicht hinnehmbare Fakes zu digital verbreiteten Zitaten ist fraglos berechtigt. Es scheint dabei der Übergang zur Instrumentalisierung aus eigenem politischen Kalkül aber fließend. Denn folgenschwere Lügen in Politik und Wirtschaft sind doch gar nichts Neues und in allen politischen Lagern verbreitet.

Dazu zählt die bewusste Verdrehung oder auch Vertuschung von Tatsachen. Erinnert sei etwa an die Fakes beim Eintritt Griechenlands in den Euro und die fortlaufenden Beteuerungen der Europäischen Zentralbank (EZB), noch im Rahmen ihres Maastricht-Auftrags zu agieren. Oder an den VW-Abgasskandal und auch an die Demontage von Bundespräsident Christian Wulff.

Und selbst wenn es ehrenwerte Gründe dafür geben mag, auch die Medienpolitik nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 nahm es zunächst mit der Wahrheit nicht so genau.

All das rüttelt am Vertrauen. Und mal ehrlich: Wir brauchen dafür gar nicht nur auf „die da oben“ zu schauen: Es ist ein offenes Geheimnis, dass etwa bei angeblich objektiven Verfahren zur Vergabe attraktiver Positionen in allen gesellschaftlichen Bereichen bisweilen in der Bewertung potenzieller Kandidaten gedreht, gelogen und gefaked wird. Wer ist da nicht mithilfe von Unwahrheiten schon alles verhindert worden – aus ideologischer oder persönlicher Konkurrenz und Antipathie?

Auch hier entsteht großer Schaden: wirtschaftlich, wissenschaftlich, politisch und kulturell, und nicht zuletzt persönlich. Hier agierende Pharisäer und Lügenbarone finden sich in allen Lagern. Die Anti-Fake-Debatte sollte deshalb aus dem politischen Kleinklein des beginnenden deutschen Wahlkampfs herausgelöst werden. Für unsere Kultur viel relevanter ist die Frage: Wann ist Wahrheit geboten? Wann darf sie verschwiegen oder gar verdreht werden? Immanuel Kant wollte die Lüge kategorisch verbieten. Doch manchmal sind Notlügen wohl legitim, wenn sie einem höheren Ziel dienen: Etwa beim Verbergen des Juden, wenn die Gestapo an der Tür nach ihm fragte. Oder beim Verschweigen des neu geborenen Jesus gegenüber Herodes.

Diese Fälle sind offensichtlich. Zu fragen ist, welche höheren Ziele es sonst sein können, die die politisch wirksame Lüge legitimieren. Ist es, wie in Köln, die Sorge um den sozialen Frieden? Ist es, wie im Islam gegenüber Andersgläubigen erlaubt, die Verbreitung der eigenen Religion? Oder, wie bei VW, die Erhöhung des Shareholder Values und die Sicherung von Arbeitsplätzen? Ist es, wie bei der EZB, die temporäre Beruhigung der Geldmärkte? Ist es, wie in den aktuellen politischen Scharmützeln und so manchen Personalentscheidungen, das bewusste Kleinhalten unliebsamer Charaktere oder Meinungen zugunsten einer eigenen Vision des Guten?

„Eine

christliche

Kultur politischer

Wahrheit kann

nicht

utilitaristisch sein“

Wahrheit muss in solchen Dilemma-Situationen stets abgewogen werden gegen den moralischen Wert der vermeintlich höheren Ziele. Eine christliche Kultur politischer Wahrheit kann nicht utilitaristisch sein. Sie erlaubt – biblisch gesehen – die Lüge allein im wirksamen Kampf gegen das Teuflische in der Welt, und damit für die Verbreitung der Liebe. Denn Gott ist die Liebe.

Dieses Faktum als Gewissensspiegel immer wieder gründlich und ehrlich zu prüfen, bleibt eine Lebensaufgabe jeder christlichen Moral. Es ist das Gegenteil von Fake und hilft uns so – jenseits einfacher Lagerlogik –, persönlich wie politisch die Geister zu unterscheiden, die Lüge legitimieren wollen.

Der Autor ist katholischer Priester und Sozialethiker mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsethik.

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