Kolumne: Gutes Leben, für uns, für andere?

Von Hildegard Hagemann
Foto: Privat | Hildegard Hagemann.
Foto: Privat | Hildegard Hagemann.

Beim Einkaufen achten wir zunehmend auf die Qualität der Erzeugnisse, vor allem wenn es um unsere Lebensmittel geht. Nicht nur Obst und Gemüse aus dem Bio-Segment werden vermehrt nachgefragt, auch Fleischwaren sind beliebter, wenn wir wissen, dass die Hähnchenbrust einem Junghahn gehörte, dessen Beine ihn noch tragen konnten und das Kotelett einem Schwein entstammt, dessen Ringelschwanz nicht von Artgenossen wegen Platzmangel angeknabbert wurde. Wir wollen mit gutem Gewissen einkaufen, genießen und leben.

Und dann schockieren uns auch noch Nachrichten über unvorstellbare Arbeitsbedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie. Da gibt es Wanderarbeiter aus EU-Mitgliedsstaaten, die um ihre schlechten Löhne noch betrogen werden, die eingepfercht in Sammelunterkünften hausen müssen und zu äußerst anstrengendem und unregelmäßigem Schichtdienst gezwungen werden. Bei aller Neuheit der Enthüllung von skandalösen Arbeitsbedingungen in diesem Wirtschaftszweig und der damit einhergehenden gerechtfertigten massiven Entrüstung muss uns leider klar werden, dass es nicht nur um ein einmaliges und akutes Phänomen geht.

Die Skandale der Missachtung der Rechte bei der Arbeit sowohl vor unserer Haustür als auch bei der Produktion von Waren, die wir für unser gutes Leben importieren, hatten lange vor den Ereignissen der letzten Monate begonnen. Die Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern aus Polen bei der Erdbeer- und Spargelernte sind schon Gegenstand von TV-Filmen und Krimis geworden. Die Skandale beschränken sich auch nicht nur auf Nahrungsmittel. Erinnern wir uns noch an die Markteroberung des I-Pad, die einherging mit Selbstmorden verzweifelter chinesischer Wanderarbeiter bei der chinesischen Herstellerfirma im Jahr 2010? Oder an den Brand einer Textilfabrik in Bangladesch im November 2012, bei dem circa 100 Näherinnen einen grässlichen Tod erlitten. Diese Katastrophe wurde allerdings vom Einsturz der Textilfabrik im Januar 2013 in Dakka noch im negativen Sinne übertroffen.

Die Häufung der Berichte über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zeigt uns einerseits, wie sehr unser Wohlstand von der Arbeit prekär lebender Menschen abhängt – sowohl hierzulande als auch weltweit. Sie sollte uns andererseits lehren, welche Einflussmöglichkeiten wir als Verbraucher und Verbraucherinnen haben, die Situation der Betroffenen zu verbessern.

So setzen sich nun zum Beispiel Gewerkschaften und Unternehmensvertreter zusammen, um aus den Katastrophen in Bangladesch zu lernen und internationale Rahmenabkommen zum Brand- und Arbeitsschutz zu vereinbaren. Aber ist Freiwilligkeit angesichts von Toten, Verwundeten, Arbeitsunfähigen und in Not geratener Familien tatsächlich genug? Wir haben durch die Vereinbarungen der Internationalen Arbeitsorganisationen und der Vereinten Nationen völkerrechtliche Instrumente, die den Schutz von Arbeitenden ermöglichen. Der Schutz der Menschenrechte einschließlich der Rechte bei der Arbeit ist Aufgabe des Staates, internationales Arbeitsrecht muss in einheimisches Recht übertragen werden. So ist es ein sozialpolitisches Armutszeugnis, dass Deutschland so wie die meisten der EU- Mitgliedsländer zum Beispiel das Übereinkommen der Vereinten Nationen zum Schutz der Wanderarbeiter und ihrer Familien nicht ratifiziert hat. Mit der Umsetzung dieses Übereinkommens in nationales Recht hätten Gewerkschaften, Rechtsschutzexperten und engagierte Konsumentenkreise eine rechtliche Handhabe, gegen die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse wenigstens vor der eigenen Haustür einzuwirken.

Es ist eine alte kaufmännische Regel, dass ein gutes Geschäft allen Geschäftspartnern Nutzen bringen sollte. Das beinhaltet Zufriedenheit mit Preis, Qualität und Rahmenbedingungen. Doch erst wenn die Lohnkosten eines Unternehmens nicht mehr beliebig gedrückt werden können und gerechte Löhne als Investition in nachhaltig gute Geschäfte gesehen werden, brauchen wir nicht mehr mit schlechtem Gewissen unser gutes Leben einzukaufen, sondern können informiert und ethisch vertretbar konsumieren.

Die Autorin ist Referentin der Deutschen Kommission Justitia et Pax.

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