Mönchengladbach

Kolumne: Globalisierung nicht in Frage stellen

Wird die Deglobalisierung eine der Folgen von Corona sein?

Erde
Nach der Krise wird nicht alles anders sein: Die globalisierte Wirtschaft führt bei bestimmten Produkten zu einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen. Foto: pixabay

„Nach der Krise wird alles anders sein!“ So oder so ähnlich lauten zahlreiche Reaktionen hinsichtlich der mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Gemeint ist häufig: Spätestens die aktuelle Krise hat gezeigt, wie verwundbar die globalen Lieferketten sind. Sie hat brennglasartig vor Augen geführt, wie notwendig es ist, bestimmte Produkte und Dienstleistungen nicht rund um den Globus auszulagern, sondern selbst in der Hand zu behalten. Schon ist von einer anbrechenden Deglobalisierung der Rede, die durch die Corona-Krise eingeleitet und von ganz verschiedenen politischen Lagern begrüßt wird.

Die Befürworter einer solchen Entwicklung, seien es Kapitalismuskritiker oder Protektionisten, vergessen dabei häufig, dass die Prozesse der wirtschaftlichen Globalisierung nicht nur Millionen Menschen aus der Armut befreit, sondern auch der heimischen Wirtschaft hohe Wachstumsraten beschert haben.

Ökonomische Rationalität

Besonders Deutschland ist ein Gewinner der Globalisierung und könnte seine exportorientierte Wirtschaft ohne die enge Verflechtung mit der Welt abschreiben. Selbst wenn Unternehmen oder Politiker aktuell ankündigen, bestimmte Produkte „heimzuholen“, ist davon auszugehen, dass am Ende die ökonomische Rationalität siegt und der Kostendruck wesentliche Entscheidungen weiterhin zugunsten der Globalisierung bestimmt.

Nach der Krise wird eben nicht alles anders sein – das meiste wird so bleiben wie es ist, eben weil es allen Seiten Vorteile verspricht. Was die Krise allerdings doch deutlicher macht, als es ohnehin schon hätte sein sollen: Die globalisierte Wirtschaft führt bei bestimmten Produkten zu einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen, die schließlich auch in politischer Hinsicht unfrei machen; und dies insbesondere gegenüber Ländern wie China.

Entscheidungsträger sollten wachsamer sein

Auch mit Blick auf die aggressive wirtschaftliche Expansionspolitik, die gerade auch vor Beteiligungen und feindlichen Übernahmen deutscher Firmen nicht Halt macht, sollten die politischen Entscheidungsträger wachsamer sein und eigene Interessen, die Interessen einer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung im Blick behalten. Dies kann und muss auch bedeuten, bestimmte Produktionsprozesse selbst steuern zu können.

Doch hier leichtfertig von Deglobalisierung zu sprechen, wäre wenig zielführend, denn diese darf es gerade aus deutscher und europäischer Sicht nicht geben.

Wirtschaftsbeziehungen auf den Prüfstand stellen

Genau wie wirtschaftliche Abhängigkeiten zuletzt auch politische Entscheidungen beeinflussen, ermöglichen globale Handelsbeziehungen und Verflechtungen politische Annäherung und einen Dialog auf Augenhöhe. In diesem Sinne ist die aktuelle Krise tatsächlich eine Chance, die globalen Wirtschaftsbeziehungen kritisch und konstruktiv auf den Prüfstand zu stellen. Dabei dürfen und müssen etwaige Fehlentwicklungen durchaus zurückgedreht werden. An der generellen und für alle Seiten nützlichen Verflechtung von Handels- und Produktionsstrukturen sollte nicht voreilig gerüttelt werden.

 

Der Autor, Marco Bonacker,  ist kommissarischer Leiter der Abteilung Erwachsenenbildung im Bistum Fulda.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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