Kolumne: Gemeinsame Wertschöpfung

Von Professor Martin Schlag
Foto: priv. | Professor Martin Schlag.
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„Wirtschaft und Gesellschaft stehen einander schon zu lange gegenüber.“ – „Ein Großteil des Problems liegt bei den Firmen selbst, die in ein überholtes Modell von Wertschöpfung verstrickt sind.“ – „Zu viele Firmen haben die grundsätzlichste aller ökonomischen Fragen vergessen: Ist unser Produkt gut für unsere Kunden?“

Mit Sätzen wie diesen lässt seit kurzem Michael E. Porter, einer der „Gurus“ an der Harvard Business School, aufhorchen. Er und andere namhafte Denker und Praktiker möchten den Kapitalismus neu erfinden, um dadurch eine Welle von Innovation und Wachstum auszulösen. Sie nennen diese Bewegung „Gemeinsame Wertschöpfung“ (shared value).

Worum geht es bei diesem neuen Modell? Das Konzept der „gemeinsamen Wertschöpfung“ besteht in der Umsetzung von Strategien, die zugleich die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens und die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bedingungen der Gesellschaften, in denen die Unternehmen wirken, verbessern. Immer noch werden soziale und ökologische Investitionen als gewinnschmälernd betrachtet. Dies gilt sowohl für die staatliche Regulierung als auch für die Wahrnehmung der Unternehmen selbst. Die Staaten sehen das wirtschaftliche Gewinnstreben als potenziell sozialschädlich an; die Unternehmen verstehen ihre Wertschöpfung zu eng, als Optimierung kurzfristiger Erfolge, und sei es durch Finanzblasen. Dabei versäumen sie es, die wichtigsten Bedürfnisse ihrer Kunden und die weitreichenden Folgen ihres Handelns zu erkennen, die ihren nachhaltigen Erfolg entscheidend bedingen. Das Konzept der „gemeinsamen Wertschöpfung“ möchte Wirtschaft und Gesellschaft wieder zusammenführen. Gewinn allein ist nicht genug, es geht um echte Wertschöpfung, und zwar um eine Wertschöpfung, die sowohl für das Unternehmen Gewinn abwirft als auch die materiellen und immateriellen Bedürfnisse der Gesellschaft anspricht und ihre Herausforderungen annimmt. Die Wirtschaftskapitäne brauchen hierfür ein tieferes Verständnis für die echten Bedürfnisse der Gesellschaft und der wahren Güter des Menschen. Einige Firmen haben schon begonnen, dieses Konzept mit Erfolg in die Praxis umzusetzen.

Beispielsweise Nestlé. Für ihre Marke Nespresso braucht diese Firma große Mengen qualitativ hochstehenden Kaffees und spezieller Kaffeesorten. Diese sind gar nicht so einfach zu bekommen. Nestlé hat ein Entwicklungsprogramm im Sinn der „gemeinsamen Wertschöpfung“ gestartet, das lokale Ausbildung und Beratung der kleinen Kaffeeproduzenten, die Zurverfügungstellung und Sicherung von Krediten, die Garantie von Saatgut, Pflanzenschutzmitteln, Dünger, et cetera umfasst, wie auch Clusterbildungen fördert. Dies hat den Lebensstandard der lokalen Bevölkerung nachhaltig verbessert und der Firma die Beschaffung des Rohmaterials in entsprechender Qualität und Quantität ermöglicht. Wert wurde gemeinsam geschaffen und geteilt.

Die Urheber des Konzepts betonen, dass an ihrer „gemeinsamen Wertschöpfung“ nichts „soft“ sei. Es gehe nicht um Altruismus oder um Nächstenliebe, sondern um eine breiter ausgelegte „unsichtbare Hand“ im Sinne von Adam Smith.

Ein Wirtschaftsethiker kann sich über diese Entwicklung nur freuen und bestätigt fühlen. Inhaltlich überrascht kann er freilich nicht sein. Immerhin hat die Wirtschaftskrise einen Nachdenkprozess in den Kaderschmieden der künftigen Wirtschafts- und Finanzwelt ausgelöst. Tatsächlich wollen immer mehr Absolventen von Harvard im non-profit Bereich arbeiten, weil sie dort mehr Sinnerfüllung finden als im „bloßen Geldmachen“. Was nunmehr fehlt, ist eine echte Reflexion über die ethischen Grundlagen des Konzepts und ihre explizite Anerkennung, denn es ist die Ethik, die es erlaubt, die wahren menschlichen und gesellschaftlichen Güter und Bedürfnisse zu erkennen und sie von den falschen Bedürfnissen zu unterscheiden, die den Menschen unglücklich machen. Die Unterscheidung von Gut und Böse ist nötig. Die Wirtschaft ist nicht bloß ein Feld materieller Transaktionen, sondern auch menschlicher Relationen. Es sind die Bedürfnisse und Anforderungen der Menschen, die den Markt mitausmachen. Und der freie Markt ist nicht bloß ein wirtschaftliches Phänomen, sondern eine kulturelle und ethische Errungenschaft, die von ethischen und kulturellen Voraussetzungen lebt, die der Markt nicht selbst schaffen kann. Für die christliche Gesellschaftslehre ist die menschliche Person das Zentrum, die Wurzel und das Ziel allen sozialen Handelns. Es ist schön zu sehen, dass solche Gedanken auch in Harvard konkrete Anwendung finden.

Der Autor ist Professor für Moraltheologie an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom.

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