Kolumne: Für gerechte Löhne streiten

Wie lässt sich mehr Lohngerechtigkeit in Deutschland erreichen? Von Lars Schäfers
kolumne: Für gerechte Löhne streiten
| Der Autor ist Wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach (KSZ). In Kooperation mit der KSZ erscheint auch diese Kolumne.

Der gesetzliche Mindestlohn ist zum 1. Januar auf 9,19 Euro je Stunde gestiegen. Doch auch die Niedriglöhne steigen mit: Trotz Mindestlohn und inzwischen langer wirtschaftlicher Boomphase stagniert der Niedriglohnanteil (laut OECD weniger als zwei Drittel des Medianlohns) nach dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) seit 2012 auf dem im EU-Vergleich beschämend hohen Niveau von fast 23 Prozent. Laut einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wären die als gerecht empfundenen Bruttoerwerbseinkommen zwar nicht unbedingt weniger ungleich verteilt als derzeit, doch nimmt eine überwältigende Mehrheit der Befragten die unteren Einkommen als zu niedrig wahr.

Diesem Urteil kann man sich nach katholischer Soziallehre nur anschließen, entspricht Lohngerechtigkeit doch Würde und Wert der menschlichen Arbeit und gilt daher als ein „Prüfstein für die Gerechtigkeit des gesamten sozio-ökonomischen Systems und für sein rechtes Funktionieren“ (Papst Johannes Paul II. in „Laborem exercens“ 19). „Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund“, übersetzte Luther Jesus Sirach 34,27 treffend, denn ein Vorenthalten des (gerechten!) Lohns wird schon seit biblischen Zeiten traditionell zu den himmelschreienden Sünden (vgl. Jak 5,4) gezählt.

Wie aber lässt sich mehr Lohngerechtigkeit in Deutschland erreichen? Das IAQ schlussfolgerte aus den genannten Befunden, dass der Umfang des Niedriglohnsektors stärker von der Tarifbindung als von der Existenz eines gesetzlichen Mindestlohns beeinflusst wird. Doch auch wenn Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände im November voll Pathos 100 Jahre Sozialpartnerschaft gefeiert haben, sollten deren Erosionsprozesse für drückendere Katerstimmung sorgen als die letzte Silvesternacht: Mittlerweile gibt es für rund 43 Prozent der westdeutschen und 56 Prozent der ostdeutschen Arbeitnehmer keinen Tarifvertrag. Die Prüfung aller arbeits- und steuerrechtlichen Vorschläge zur Stärkung der Tarifautonomie und des Organisationsgrads der Tarifvertragsparteien sollten daher im neuen Jahr Priorität haben.

Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015 war indes notwendig und längst überfällig, um die Menschen vor allzu skandalösen Dumpinglöhnen zu schützen. Dennoch reichen auch die aktuellen 9,19 Euro besonders angesichts steigender Wohnkosten auch für viele Vollzeitbeschäftigte für die Deckung des Lebensunterhalts ohne Aufstockung oft nicht; und nie für eine spätere gesetzliche Rente oberhalb der Grundsicherung. Wollen sie einer inzwischen vernehmbarer geforderten deutlicheren Erhöhung des Mindestlohns – nach Bundesfinanzminister Olaf Schulz zum Beispiel auf 12 Euro – zuvorkommen und wollen sie keine Bluthunde sein, deren Sünden zum Himmel schreien, sollten sich Niedriglohn-Arbeitgeber ihrer hohen ethischen Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern (und deren Familien) bewusst und deshalb Tarifpartner werden. Doch auch alle nichtorganisierten Arbeitnehmer sollten sich im neuen Jahr überlegen, zukünftig in und mit den Gewerkschaften für mehr und gute Tariflöhne zu kämpfen, um die Bluthunde an die Leine zu legen.

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30.07.2020, 13  Uhr
Lars Schäfers
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