Kolumne: Franziskus als Jesuit

Von Professor Peter Schallenberg

Am Beginn jedes neuen Pontifikates wird mit Spannung erwartet, welche Schwerpunkte der neue Papst herausstellt. Durch seine Namenswahl schon machte Papst Franziskus deutlich, dass die Armen und Notleidenden neu ins Zentrum der kirchlichen Praxis und Verkündigung gestellt werden müssen: Der Name ist Programm, Franziskus ist der Heilige der radikalen Armut und der Zuwendung zum Armen. Dass sich die Kirche in der Nachfolge Jesu besonders den Armen zuwenden muss, war selbstverständlich nie in Vergessenheit geraten. Barmherzigkeit und Solidarität sind zwei wesentliche Bausteine der katholischen Soziallehre und der christlichen Sozialethik. Jene Sozialethik hat sich in einem langen Prozess bis zur heutigen Gestalt entwickelt; die franziskanische Frömmigkeit und Spiritualität bildet dabei eine wichtige Quelle.

Diese wiederum steht in einer genuin kirchlichen Tradition: Der amerikanische Sozialwissenschaftler Rodney Stark macht darauf aufmerksam, dass am Ursprung eines ethisch gebändigten Kapitalismus und einer Ethik des Kapitalismus schon ganz früh, im 9. Jahrhundert, das augustinisch und benediktinisch inspirierte Mönchtum und damit schon die augustinische Theologie steht, insofern Preis durch Begehren (und Knappheit) verursacht wird und so die Welt des Erdenstaates durch Begehr und Erwerb und Nutzung sich aufbaut, dem gegenüber das Kloster eine Gegenwelt bilden will und soll. Damit aber steht keineswegs zuerst eine protestantische Ethik und eine im Hintergrund stehende doppelte Prädestinationslehre im Calvinismus Pate für eine Ethik des Kapitalismus, wie dies Max Weber wirkmächtig mit Blick auf den deutschen Begriff des Berufes und dessen nahe Verwandtschaft zur Berufung dargelegt hat, sondern es steht fest, dass schon im Früh- und Hochmittelalter eine Ethik des Kapitalismus beginnt, auch wenn Max Weber in seiner Analyse einer stark protestantisch beeinflussten Ethik des Alltags zuzustimmen ist. Dass Kapitalismus und christliche Ethik verbunden sind, kann also auch vor diesem Hintergrund unterstrichen werden. Man kann hier auf die norditalienische Armutsbewegung der „Humiliati“ im aufkommenden Kapitalismus Norditaliens verweisen. Sie verbanden Wohlstand und Fürsorge auf beeindruckende Weise. Diese ethische Bändigung und Formatierung des beginnenden Kapitalismus und damit überhaupt eine beginnende Sozialethik war aber wesentlich auch eine Leistung der franziskanischen Armutsbewegung und deren Spiritualität, die von Anfang an im öffentlichen Raum der Politik agierte.

Die Franziskaner also bemächtigen sich geradezu der Politik und beginnen, die öffentliche Ordnung zu verändern durch ihre radikale Armut und Hinwendung zum Armen am Rand oder gar außerhalb der Gesellschaft: Modern gesprochen verpflichten sie sich der gesellschaftlichen Inklusion und der Beteiligungsgerechtigkeit. Dabei sind zwei christliche Grundgedanken leitend: Einerseits ist es der Gedanke des Handelns Gottes in der Geschichte, der uns schon dominant beim heiligen Augustinus begegnet und nun in der Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura, des großen Franziskanergenerals mit mächtigem Einfluss auf die sich entfaltende Spiritualität und Theologie der franziskanischen Bewegung und in einem Strom augustinischer Mystik stehend, breite Entfaltung findet, und zwar im Zeichen einer veränderten Eschatologie und Endzeiterwartung.

Erst mit dieser Verknüpfung aber gelingt ein echter Durchbruch zur Sozialethik, wie sie sich nun in der franziskanischen Frömmigkeit und in den franziskanischen Predigern – man denke an Bernhardin von Siena – breit in ganz Europa entfaltet. Wenn Christus nicht einfach das Ende der Zeit ist, das nun in Weltflucht abgewartet werden muss, sondern wenn er die Wende der Zeit zum Besseren und zum Guten ist, dann bricht endgültig die Stunde der Ethik an, die sich schon ankündigte in der Frage Gottes an Kain nach dem Brudermord „Wo ist dein Bruder Abel?“ und sich sogleich zuspitzte mit der trotzigen Antwort des Kain „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Ethik ist jetzt Bewegung zum Besseren, zur Nachfolge des armen und leidenden Christus hin: Hinwendung zum Armen und Verbesserung der Lebensverhältnisse ist nun das Gebot der Stunde. Und genau das ist das Programm des heiligen Ignatius von Loyola und der von ihm gegründeten Jesuiten: Gott in allen Dingen finden heißt jetzt: Im Alltag und im täglichen Beruf und in der unscheinbaren Arbeit Gott und dem Mitmenschen dienen. Erst jetzt kann sich die Sozialethik entfalten als Wirtschaftsethik und Berufsethik, auch als Staatsethik. Denn der Staat und die Wirtschaft haben in dieser Perspektive die Aufgabe, schwächere und ärmere Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu fördern, zu fordern und einzubinden. So kann der Mensch lebendiges Ebenbild Gottes werden: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch!“ (Irenäus von Lyon).

Msgr. Peter Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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