Kolumne: Fachkräfte: Mangel meistern

Von Peter Jäger

Auf dem Arbeitsmarkt hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: Galt bisher die Regel „Arbeitskraft sucht Job“, so könnte es zukünftig heißen „Job sucht (qualifizierte) Arbeitskraft“. Die Arbeitslosigkeit ist in einigen Regionen auf ein Niveau wie vor 20 Jahren gesunken, und in einigen Branchen ist schon jetzt eine Arbeitskräfteknappheit in Sicht.

Der demografische Wandel wird Realität. Deutschlandweit wird sich das ge-samte Arbeitskräftepotenzial bis 2025 um rund 6,5 Mio. Personen verringern. Wenn jetzt nicht aktiv gegengesteuert wird, wird es in Zukunft deutlich an jenen Fachkräften fehlen, die ein Motor für Wachstum und Wohlstand sind.

Die Versorgung der Unternehmen mit den benötigten Fachkräften betrifft uns alle. Sie erfordert eine Kraftanstrengung aller Arbeits- und Ausbildungsmarktakteure. Vor diesem Hintergrund wurden in vielen Regionen unter der Leitung der Arbeitsagenturen Netzwerke gebildet. So haben wir zum Beispiel in unserer Region eine „Task Force für Arbeit“ gegründet, in der partnerschaftlich auch die Landeshauptstadt Düsseldorf, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, die Unternehmerschaft und der DGB vertreten sind. Als erstes sichtbares Zeichen wurde ein Zukunftsplan erarbeitet, der Strategien und Lösungsansätze der Gemeinschaftsaufgabe aufzeigt. Wir wollen den Wandel aktiv gestalten. Wir vernetzen uns noch stärker, bündeln unsere Aktivitäten und Angebote und entwickeln neue Wege für die Personalgewinnung. Mit den jeweiligen Kompetenzen der einzelnen Institutionen wird in der Zusammenarbeit ein wesentlicher Beitrag zur Standortsicherung geleistet.

Das Fachkräfteangebot lässt sich nur durch einen Mix verschiedener Hebel steigern. Wir müssen die Schätze heben, die wir haben und dürfen keine Potenziale liegen lassen! Wir müssen Denkgewohnheiten aufbrechen und tradierte Positionen hinterfragen! Es gibt vier richtungsweisende Handlungsfelder: Gewinnung und Sicherung von Nachwuchskräften, Erwerbstätigkeit von Frauen stärken, Arbeitszeit bei Teilzeitbeschäftigten ausbauen, Beschäftigungssicherung älterer Arbeitnehmer und Integration von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund.

Die Unternehmen sollten vor allem darauf setzen, die heimischen Potenziale stärker auszuschöpfen. So könnte die Erwerbstätigkeit der Frauen deutlich gesteigert werden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss weiter gefördert werden, da viele Frauen – mit meist einer guten Ausbildung – wegen der Kinder nicht arbeiten oder nur in Teilzeit beschäftigt sind. Gemessen an ihren Arbeitszeitwünschen würden fast die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen und zwei Drittel der Mini-Jobberinnen die vereinbarte Arbeitszeit gerne deutlich ausbauen. Die Bereitstellung beziehungsweise das Organisieren von Betreuungsplätzen für Kinder in Tageseinrichtungen und in der Tagespflege sind in diesem Feld eine Grundvoraussetzung für die Eltern, die die Kommunen beisteuern können.

Die „Generation Gold“, die Arbeitnehmer ab 50, wird gelobt für ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Verlässlichkeit. Auch dieses Potenzial muss noch stärker genutzt werden. Die Unternehmen werden die innerbetrieblichen Arbeitsbedingungen zunehmend den veränderten Bedürfnissen und Erfordernissen älterer Menschen anpassen müssen. Dazu gehören altersgerechte Arbeitsplätze, eine gezielte Weiterqualifizierung und ein aktives Gesundheitsmanagement.

Es muss uns auch gelingen, mit den Angeboten der Netzwerkpartner in den Regionen noch stärker den Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss zu verringern und Ausbildungsabbrüche zu reduzieren. Schulische und berufliche Qualifikation sind ein wichtiger Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Gerade vor diesem Hintergrund sind die Themen Berufsorientierung und Berufswahlentscheidung als unverzichtbarer Bestandteil des Unterrichts in allen Schulformen, insbesondere in den Haupt-, Real- und Gesamtschulen, weiter zu etablieren.

Eine wesentliche Voraussetzung zur erfolgreichen Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in das Arbeitsleben ist die Kompetenz der deut-schen Sprache. Aber auch die Förderung der beruflichen Qualifikation und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse stehen auf der Agenda.

Der Autor ist Vorsitzender der

Geschäftsführung der Agentur

für Arbeit in Düsseldorf.

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