Kolumne: Europa auf dem Prüfstand

Von Andrij Waskowycz

Serhij Nihojan, ein 20-jähriger Ukrainer, war das erste Todesopfer des Kiewer Maidan. Seine Kameraden glauben Hinweise darauf zu haben, dass er von einem Scharfschützen der Sicherheitskräfte erschossen wurde. Wenig später fand man in einem Waldstück nahe der Hauptstadt die Leiche des 51-jährigen Jurij Werbytzky. Sie zeigte deutliche Folterspuren.

Die Heimatorte der beiden ermordeten Aktivisten sind fast 1 000 Kilometer voneinander entfernt. Nihojan stammte aus dem Gebiet des ostukrainischen Dnipropetrowsk, Werbytzkyj war aus der westukrainischen Metropole Lwiw nach Kiew gekommen. Aber sie starben beide für dieselbe Idee einer freien, europäischen und demokratischen Ukraine.

Entspricht dies dem verbreiteten Mythos von einem zerrissenen Land? Diese Tage zeigen, dass es weniger eine Spaltung der Bevölkerung in West und Ost gibt. Es offenbart sich vielmehr eine tiefe Kluft zwischen der Gesamtgesellschaft und dem herrschenden Regime, das immer noch alten sowjetischen Denk- und Herrschaftsmustern verhaftet ist. Für eine europäische Ukraine gehen mittlerweile Hundertausende auf die Straße. Und dies nicht nur im traditionell pro-europäischen Westen und im Zentrum, sondern zunehmend auch im Osten und Süden, ja selbst in den Janukowitsch-Hochburgen Donezk und Luhansk. „Befürworter“ der regierenden Partei sind in den Brennpunkten der Massenproteste vor allem nur sogenannte „Tituschky“, vom Regime gekaufte Schläger und Provokateure. – In Verlauf der Proteste entwickelt sich ein unglaublicher Prozess der Solidarisierung der Menschen. Sie gehen nicht für oder gegen Ideologien oder Parteiprogramme auf die Straße, sondern für ihre gemeinsame Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder in einem zivilisierten, demokratischen und rechtsstaatlichen Land, unabhängig von seiner Anbindung an die EU oder andere zwischenstaatliche Strukturen. Die Menschen sind nicht mehr bereit, die Korruption im Lande hinzunehmen, die den gesamten gesellschaftlichen Organismus durchsetzt hat. Sie sind nicht mehr bereit, die Willkür staatlicher Beamter zu ertragen, die die gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Entwicklung hemmt. Sie sind nicht mehr bereit, käufliche Richter zu akzeptieren, die für Geld das Recht beugen oder willfähriges Instrument des staatlichen Machtapparates sind. Die Menschen in der Ukraine wollen „europäisch“ sein im Sinne der Werte, die für Europa maßgeblich sind.

Es ist bewundernswert, mit welchem Mut, mit welcher Entschlossenheit und Standfestigkeit die Demonstranten diese Werte in ihrer Heimat verteidigen. Sie sind sich bewusst, dass sie heute die Weichen für den zukünftigen Kurs ihres Landes stellen müssen. Entweder gelingt es, auf den Weg zu einer demokratischen Entwicklung zurückzufinden, die seit der „Revolution in Orange“ bis zur Wahl des heutigen Präsidenten vor vier Jahren die Ukraine geprägt hat, oder das Land verfällt in eine Diktatur, mit unvorhersehbaren Auswirkungen nicht nur auf die Ukraine, sondern auf ganz Europa. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass es beim heutigen Konflikt nicht alleine um die Ukraine geht. Die Süddeutsche Zeitung (24. Januar 2014) vertritt die Auffassung, dass „das Blut im ukrainischen Schnee“ über die Zukunft ganz Europas entscheidet. „In der Ukraine helfen die Europäer, wenn sie es denn tun, nicht anderen, sondern sich selbst.“

Eine solche internationale Dimension mögen die vor allem jungen Leute, größtenteils Studenten, vielleicht nicht einmal erahnt haben, als sie vor mehr als zwei Monaten ihren Protest auf den Maidan trugen. Ausgelöst wurden die Kundgebungen durch Janukowitschs zynisches Verwirrspiel um das Assoziierungsabkommen mit der EU. Die überraschende Ankündigung der ukrainischen Regierung, die Vorbereitungen zur Unterzeichnung des Assoziationsabkommens mit der Europäischen Union auszusetzen, hat in der ukrainischen Hauptstadt Kiew die größte Demonstration der Oppositionskräfte seit der „Orangenen Revolution“ hervorgerufen. Ihr folgte eine Welle von Kundgebungen für die Annäherung an die EU in vielen Städten der Ukraine. Denn die Mehrheit der Bevölkerung, vor allem die Jugend, sieht ihre Zukunft in Europa und nicht unter der „Obhut“ eines sich imperial gebärdenden Russlands. Heute wird diese geopolitische Dimension immer sichtbarer. Daher wird für die Zukunft der Ukraine, aber auch Europas vieles davon abhängen, ob man die Absicht Putins, einen dauerhaften Keil zwischen Europa und die Ukraine zu treiben, vereiteln will und kann. In diesem Jahr stehen Europawahlen an. Den Euroskeptikern und Eurogegnern werden in vielen EU-Staaten Stimmengewinne prognostiziert. Dagegen riskieren viele Menschen im osteuropäischen Winterfrost ihr Leben für die europäische Idee. So wie Serhij Nihojan aus Dnipropetrowsk und Jurij Werbytzkyj aus Lwiw.

Der Autor ist Präsident der

Caritas in der Ukraine

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