Kolumne: Ehrenamtliches Engagement

Von Josef Lüttig
Foto: IN | Josef Lüttig.
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Wir leben in einer interessanten Zeit. Es ist Wandel und Veränderung angesagt. Dies gilt für unsere Arbeitswelt, für familiäre Situationen und Strukturen, für die Gesellschaft und Politik, für unsere europäische Zukunft und nicht zuletzt für die Welt des Digitalen.

Wie so häufig, musste erst ein provokantes Wort die Runde machen. Es war der Aufsatz des amerikanischen Verwaltungswissenschaftlers Robert Putnam mit dem schönen Titel „Bowling Alone“ oder „Kegeln gehen in Einsamkeit“: In diesem Aufsatz stellte Putnam fest, dass sich die Tendenz zur Individualisierung und des Sich-Alleinunterhaltens in der amerikanischen Gesellschaft umfassend breitgemacht habe. Und dies, so seine These, mit gravierenden Folgen für Gemeinwesen und Demokratie. In digitalen sozialen Netzen zwar gut zuhause, investiere man nicht mehr Zeit und Energie in gemeinschaftliche Belange, weder im geselligen noch im sozialen oder politischen Bereich, sondern man habe als postmoderner Mensch überhaupt kein Interesse mehr am Gemeinwesen. Der moderne Amerikaner – eine einsame, vor dem PC oder Fernseher sitzende Kartoffelchips konsumierende Monade –, die nicht zur Wahl geht und aus der Gewerkschaft, dem Schulverein und der lokalen Kirchengemeinde ausgetreten ist. Kurzum: Der moderne Mensch – ein Desaster für Demokratie und Gemeinwesen. Das Gegenbild einer aktiven und solidarischen Zivilgesellschaft.

Entspricht das auch der heutigen Jugend? Wir sehen ein anderes Bild der häufig als Null-Bock-Generation betitelten Jugendlichen. In unseren Diensten und Einrichtungen engagiert sich eine Vielzahl von Jugendlichen Tag füg Tag für ihre Mitmenschen. Insgesamt haben wir in Deutschland eine große Engagement-Bereitschaft. Bürgerschaftliches Engagement in seinen vielen Facetten und Variationen ist in gewisser Weise ein „schlummernder Riese“. Da gibt es noch großes Potenzial! Sehr viel mehr Mitbürger und -bürgerinnen würden wohl ehrenamtlich beziehungsweise bürgerschaftlich aktiv werden, wenn sie nur richtig angesprochen würden, wenn Organisationen in entsprechender Weise auf sie zugehen würden und sich die richtige Gelegenheit bieten würde. Hier gilt es für uns, wachsam für die Interessen von Menschen, die sich engagieren möchten, zu sein und aktiv auf sie zuzugehen.

Aber es gibt auch klare Defizite: Ehrenamt scheint am Mittelstand orientiert zu sein. Mit anderen Worten: Gut situierte, gut gebildete Jugendliche auf dem Gymnasium sind sozial verstärkt aktiv, während Jugendliche aus Problemfamilien und ohne schulischen Abschluss sich nur äußerst wenig engagieren. Auch dies gilt es im Blick zu haben und Wege zu finden, auch mit dieser Personengruppe ins Gespräch zu kommen.

Ein weiterer Aspekt richtet sich nach der finanziellen Ausstattung des Ehrenamtes. Ehrenamtliches Engagement findet nach unserer Auffassung als Caritas grundsätzlich freiwillig und unentgeltlich statt. Gleichwohl soll sich jeder ein Engagement leisten können. Es spricht also nichts dagegen, tatsächlich entstandene Aufwendungen wie etwa Fahrtkosten zu ersetzen. Wir sprechen aber nicht mehr von ehrenamtlichem Engagement, wenn Stundenlöhne, seien sie noch so klein, bezahlt werden.

Und nicht selten erzählen uns Menschen, dass sie gar nicht möchten, dass ihr Ehrenamt plötzlich von marktwirtschaftlichen oder fiskalischen Interessen überlagert werden würde. Sie möchten etwas Wertvolles und Sinnvolles tun, ohne dass der Mehrwert betriebswirtschaftlich oder volkswirtschaftlich bewertet und ausgeglichen würde. Die Qualität liegt hier im Idealismus und im sozialen Miteinander.

Für uns gilt: Wenn wir heute Ehrenamt fördern wollen, müssen wir alles wertschätzen, was die Menschen einbringen möchten. Nicht nach dem Motto: einmal Ehrenamt, immer Ehrenamt, sondern projekt- oder anliegenorientiert, zeitbefristet und selbstbestimmt.

Gesellschaftlich ist ehrenamtliches Engagement unverzichtbar! Ehrenamt trägt zur Wahrung und Erfüllung der Grundrechte des Menschen bei, unterstützt hilfebedürftige Menschen in verschiedensten Situationen und bei den unterschiedlichsten Problemstellungen, gestaltet aktiv das Zusammenleben und bildet somit eine wertvolle Stütze der Gesellschaft.

Der Autor ist Diözesan-Caritasdirektor in Paderborn

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