Washington D.C.

Kolumne: Der zweite Katholik

Der amerikanische Sozialstaat bedarf dringend der Reform. Der neue Präsident Joe Biden könnte seine Politik an der Katholischen Soziallehre ausrichten.

Nach der Präsidentschaftswahl in den USA  - Biden
Der Katholik Joe Biden nach dem Besuch der Heiligen Messe in der KIrche St. Joseph on the Brandywine. Foto: Alex Brandon (AP)

Joseph Biden ist der nächste Präsident der USA. Aus einer irischen Familie stammend, ist er der zweite Katholik in diesem Amt. Joe Biden ein aktiver und praktizierender Katholik, der durch seinen Glauben großen Halt fand nach dem Unfalltod seiner ersten Frau und der einjährigen Tochter. Ebenso war es bei der tödlichen Krebserkrankung seines erwachsenen Sohnes, der ihm vor dem Tod seinen Rosenkranz schenkte, den er seitdem immer bei sich trägt und oft betet.

Ursprung der Soziallehre

Dass ein irischstämmiger Katholik Präsident der USA wird, erinnert auch an die Ursprünge der katholischen Soziallehre in den USA, und zugleich an längst überfällige Reformen im amerikanischen Sozialstaat. Fast vergessen ist nämlich, dass die erste Sozialenzyklika der Päpste, „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. im Jahre 1891, weitsichtige Vordenker hatte. Einer von ihnen war der Erzbischof von Baltimore, James Gibbons (1834-1921), auch er Sohn irischer Einwanderer, der das Elend der im Hungerwinter 1846/47 aus Irland in die USA ausgewanderten überwiegend katholischen Arbeiter an der Ostküste sah. In heftigen Diskussionen, auch mit bischöflichen Mitbrüdern, erkannte er die Notwendigkeit von konkreten Sozialreformen, vor allem von eigenständigen Gewerkschaften, auch konfessionsübergreifend, und die Ermöglichung und Sicherung von Privateigentum und Versicherungsansprüchen, um nicht in willkürliche Lohnabhängigkeit zu rutschen.

Er betonte zudem eine immer nötige Umverteilung von Reichen zu Armen als Konsequenz des biblischen Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Im Kampf dafür unternahm er eine Reise nach Rom, um Papst Leo XIII. persönlich von einer fortschrittlichen katholischen Soziallehre zu überzeugen. Der Coup gelang: Leo XIII. war nachhaltig beeindruckt, und das Ergebnis war die Enzyklika „Rerum novarum“: Gegen Sozialismus und Liberalismus die Soziallehre als dritter Weg mit der Betonung von Vereinigungsfreiheit, Privateigentum und Sozialversicherungen. James Gibbons wurde 1886 erster amerikanischer Kardinal, und die Arbeiter hatten gewonnen.

Reformen dringend erforderlich

Daran sollte Biden anknüpfen. Denn der im Vergleich zu Europa und der Sozialen Marktwirtschaft miserabel aufgestellte amerikanische Sozialstaat bedarf dringend der Reform: Gesundheit und Bildung sind die großen Herausforderungen, die das Recht auf solidarische Krankenversicherung wie auch das Recht auf Chancengleichheit durch gleiche gute Schulen und Universitäten verwirklichen und damit auch wesentlich zur Abschmelzung des latenten Rassismus beitragen. Freilich wird ein katholischer Präsident bei der Fortentwicklung von „Obama-Care“ den unbedingten Lebensschutz im Auge haben müssen, auch im Blick auf Spätabtreibungspräparate, die der verspäteten Empfängnisverhütung und der Tötung des Ungeborenen dienen.

„Ein Katholischer Präsident muss den unbedingten Lebensschutz im Auge haben.“ Peter Schallenberg

Peter Schallenberg
Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperati... Foto: KNA

Und ein katholischer Präsident mit Sinn für globale Solidarität und soziale Liebe wird auch wieder dem Pariser Klimaabkommen beitreten zum Schutz der globalen Umwelt und nicht zuletzt den Freihandel und die Welthandelspolitik zugunsten benachteiligter Schwellenländer reformieren müssen. Denn: „America first“ taugt bestenfalls als kurzlebiger Slogan im Wahlkampf. Langfristig gilt nur: Every person first! It's the solidarity, stupid!

 

 

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