Kolumne: Der Streit um die Vereinbarkeit

Eltern und Kinder brauchen auch gemeinsame Zeit. Daran muss man die Politik gelegentlich erinnern. Von Matthias Dantlgraber
kolumne: Der Streit um die Vereinbarkeit
| Der Autor ist Bundesgeschäftsführer des Familienbundes der Katholiken.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Über kein familienpolitisches Ziel scheint derzeit so viel Einigkeit zu bestehen wie über das Anliegen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Tatsächlich existieren jedoch höchst unterschiedliche Verständnisse von Vereinbarkeit.

Das wurde deutlich, als sich der Familienausschuss des Deutschen Bundestages Mitte Januar erneut mit der „Gesamtevaluation der ehe- und familienbezogenen Maßnahmen und Leistungen in Deutschland“ befasste. Diese von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie untersuchte 14 familienpolitische Leistungen darauf, wie förderlich sie für wichtige familienpolitische Ziele, zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sind. Die Studie versteht unter Vereinbarkeit aber nicht die Möglichkeit der Eltern, Familie und Beruf möglichst flexibel – entsprechend den sich im Lebenslauf verändernden Umständen und Wünschen – in Einklang zu bringen. Vielmehr bewertet sie nur diejenigen familienpolitischen Leistungen als förderlich für die Vereinbarkeit, die Arbeitsanreize setzen und zu einer Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Müttern führen. Vereinbarkeit wird also ausschließlich als Vereinbarung von Familie und Beruf verstanden, als möglichst hohe Erwerbstätigkeit beider Elternteile. Das widerspricht nicht nur dem Wortlaut von Vereinbarkeit, sondern auch dem Verständnis einer großen Zahl von Familien.

Dieses fragwürdige Vereinbarkeitsverständnis führt in der Gesamtevaluation auch zu einer negativen Bewertung von Geldleistungen für Familien, da „jede Geldleistung zumindest kurzfristig die wirtschaftliche Notwendigkeit reduziert, eigenes Erwerbseinkommen zu erzielen“, mithin die Erwerbstätigkeit senke und dadurch dem Ziel der Vereinbarkeit zuwiderlaufe. Nach dieser Logik wäre eine Abschaffung aller Geldleistungen für Familien eine positive familienpolitische Maßnahme zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familien und Beruf, weil dann maximale Erwerbsanreize für Mütter gesetzt würden. In der Konsequenz zweifellos absurd.

Versteht man Vereinbarkeit von Familie und Beruf jedoch als Möglichkeit, eine Familie zu haben und zugleich im gewünschten Maße berufstätig zu sein, wirken sich Geldleistungen für Familien sogar positiv auf die Vereinbarkeit aus. Denn finanzielle Spielräume schaffen zusätzliche Optionen, die Familien je nach Wunsch zur Reduzierung oder Ausweitung der Erwerbstätigkeit nutzen können. Geld kann schließlich auch genutzt werden, um haushaltsnahe Dienstleistungen einzukaufen oder eine Kinderbetreuung zu organisieren.

Vereinbarkeit setzt beides voraus: finanzielle Unterstützung von Familien und eine qualitativ hochwertige Betreuungsinfrastruktur. Vor allem brauchen Eltern und Kinder aber auch gemeinsame Zeit. Eine Familienpolitik, die einseitig auf die Erhöhung der Erwerbstätigkeit der Eltern setzt, vernachlässigt dieses wichtige familienpolitische Ziel. Dass neben der Erwerbstätigkeit der Eltern ausreichend gemeinsame Zeit für die Familie bleiben muss, ist der Kern eines sachgerechten Vereinbarkeitsverständnisses. Daran muss man die Politik gelegentlich erinnern.

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