Kolumne: Das Skandalon der Armut

Von Markus Demele

Papst Franziskus hat geschafft, was kaum eine Entwicklungsorganisation in den letzten Jahren für möglich gehalten hat: Mit seiner Rede von einer „Kirche der Armen für die Armen“ stehen plötzlich wieder eben jene Menschen im Fokus der kirchlichen Aufmerksamkeit, die schon Jesus von Nazareth als erste in den Blick nahm. Das Skandalon der absoluten Armut auf unserer Erde und der relativen Armut in unseren reichen Gesellschaften ist ein Doppeltes, wie Franziskus nicht müde wird zu betonen. Zum einen ist es die reine Tatsache an sich, dass in einer Welt, die über hinreichende Ressourcen verfügt, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen, Millionen von Menschen jährlich an den Folgen von Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterben. Zum anderen aber auch unsere Gewöhnung an diesen Umstand. Die Berichte von Mangelernährung und Kindersterblichkeit rauschen in den Medien an uns vorbei und nur die Weltregionen scheinen austauschbar zu sein. Diese Gewohnheit wird es ganz ähnlich schon zu Jesu Zeiten gegeben zu haben, sonst hätte er wohl nicht mit solchem Nachdruck eine gerechtere Umverteilung der Güter seiner Mitmenschen angemahnt.

Über nahezu alle Kulturen und Traditionen hinweg findet es Zustimmung, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben, auf Überleben, auf Wasser und Bildung, auf Gesundheit und Unversehrtheit hat. Wenn Sozialethiker jedoch auf die Pflichten hinweisen, die mit diesen Rechten korrespondieren, sind wir schnell dabei Staaten und andere regionale Institutionen vor Ort in die Pflicht zu nehmen. Das ist auch richtig, doch nicht hinreichend. Zumal für Christen das Liebesgebot der Nächsten gegenüber im 21. Jahrhundert nicht mehr nur auf den Stammesgenossen Anwendung finden kann. Wir wissen um die Not in der Welt – ihr Anruf, ihr Aufschrei trifft auch jeden Einzelnen von uns.

Die regelmäßige Unterstützung von Entwicklungsorganisationen kann eine Antwort auf diesen Anruf sein. Sie nehmen kollektiv den Dienst am Nächsten in der Ferne war. Sie treten als Treuhänder der ihnen anvertrauten Mittel auf und geben in Projekten und Bildungsmaßnahmen Menschen die Chancen, ihre Potenziale zu nutzen und ihre Verwirklichungschancen zu realisieren. Dabei sind viele sehr effizient und innovativ. Die Erfolge vieler Projektpartnerschaften sind nachweisbar. Die Debatte um die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe ist somit oft ein politisches Ausweichmanöver, weil versprochene Hilfsmittel doch nicht gezahlt werden.

Ein weiteres, dem doppelten Skandalon der Armut zu begegnen, hat Franziskus in das Wort gebracht „diese Wirtschaft tötet“. Rainer Hank antwortete daraufhin in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Ende letzten Jahres, dass diese „Verachtung der Reichen“ durch die Kirche den Armen nichts nütze. Damit bestreitet er die Wirkzusammenhänge eines kaum regulierten globalen Marktes mit der millionenfachen Ausbeutung von Arbeitnehmern in eben jenen Ländern, die zu einer hinreichenden Regulierung und Kontrolle ihrer Märkte noch nicht fähig sind. Nicht regulierte Märkte produzieren Armut. Das gilt in der europäischen Wirtschaftsgeschichte ebenso wie in den sogenannten Entwicklungsregionen heute. Als Konsumenten und Wähler, als Spender und Engagierte in Verbänden und Organisationen korrespondiert mit dem Recht der Armen auf ein Leben in Würde unsere Pflicht zur Stärkung der Akteure vor Ort, die sich für Arbeitnehmerrechte und eine faire Verteilung des globalen Wohlstands einsetzen.

Die Wege, dies zu tun, sind vielfältig. Entscheidend bleibt jedoch, dass wir das Skandalon der Armut nicht hinnehmen, sondern als Pflicht begreifen lernen, die uns persönlich trifft.

Der Autor ist Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerks.

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