Kolumne: Barmherzigkeit in der Politik?

Von Holger Zaborowski
Foto: Archiv | Professor Holger Zaborowski.

Politik und Barmherzigkeit scheinen sich auszuschließen. Das in der Politik geltende Ideal ist die Gerechtigkeit. Menschen begegnen sich in der Politik auf Augenhöhe und suchen nach allgemein gültigen Lösungen. Gesetze gelten unabhängig vom Ansehen einer Person. Barmherzigkeit hingegen geschieht in der Situation einer konkreten Not und stiftet Nähe. Menschen begegnen einander von Herz zu Herz. Ihr Verhältnis zueinander ist asymmetrisch. Wer barmherzig handelt, bricht manchmal Gewohnheiten und Gesetze; er handelt revolutionär und anarchisch.

In der politischen Theorie spielt die Barmherzigkeit daher keine Rolle. Barmherzigkeit, so scheint es, gehört wie auch die Nächstenliebe in den Kontext des Privaten oder des Religiösen. Manche zweifeln auch daran, ob Barmherzigkeit heute überhaupt noch eine Bedeutung hat. Im modernen Rechts- und Sozialstaat sind viele Gebote der Barmherzigkeit zu Forderungen der Gerechtigkeit geworden. Wer früher von der barmherzigen Haltung anderer Menschen abhängig war, kann heute in vielen Bereichen einen Rechtsanspruch erheben. Das ist eine wichtige Errungenschaft. Es gibt einen Primat der Gerechtigkeit. Barmherzigkeit wäre ein schlechter Ersatz für fehlende Gerechtigkeit.

Doch ist das Verhältnis von Politik und Barmherzigkeit wesentlich komplexer. Einige Hinweise: Kein Politiker möchte unbarmherzig oder erbarmungslos erscheinen. Barmherzigkeit ist damit kein positives Ideal für Politiker. Aber die Sphäre der Politik ist irgendwie doch auf den Bereich der Barmherzigkeit bezogen. Auch die Kritik von Papst Franziskus an einer Politik, die ihren Routinen folgt und Entscheidungen ohne Erbarmen trifft, macht darauf aufmerksam. Politik kann nicht nur ungerecht agieren. Das Ideal der Gerechtigkeit selbst kann erstarren und unmenschlich werden, wenn es absolut gesetzt wird und einzelne Menschen und ihre konkreten Nöte keine Rolle mehr spielen. Die Optik der Barmherzigkeit kann zu einer Korrektur und Ergänzung politischen Handelns führen.

Das bedeutet nicht, dass die Politik selbst Barmherzigkeit üben müsste. Es mag solche (Ausnahme-)Fälle geben. Aber die Politik ist auf eine lebendige Kultur der Barmherzigkeit angewiesen. Es ist unverzichtbar, dass Menschen einander immer auch barmherzig begegnen, dass sie füreinander da sind und füreinander sorgen. Denn nicht auf alles, nicht auf jede Unterstützung oder Hilfe kann ein Rechtsanspruch formuliert werden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Zivilgesellschaft zu, etwa dem Engagement der Religionen, Kirchen und Vereine, aber auch dem einzelnen Menschen. Barmherzigkeit geschieht nämlich zunächst zwischen einem konkreten Ich und einem Du. Dass dies geschehen kann, ist eine notwendige Voraussetzung gerechter Politik. Daher muss die Politik eine solche Kultur der Menschlichkeit unterstützen.

Es gibt weitere Hinweise, die zeigen, wie wichtig Barmherzigkeit in der Politik ist. Manchmal begegnet die Barmherzigkeit unter einem anderen Namen. So wird auch von Politikern Mitleid gefordert. Damit ist aber keine bloße Gefühlsregung gemeint, sondern ein zu Entscheidungen und zu Taten führendes Empfinden mit leidenden Menschen, also genau das, was man auch Barmherzigkeit nennen kann. Auch wenn von Solidarität die Rede ist, zeigt sich die Bedeutung der Barmherzigkeit. Denn einerseits ist Solidarität eine Forderung der Gerechtigkeit. Sie hat aber auch viel mit Barmherzigkeit, der konkreten Sorge für einen anderen Menschen zu tun. Oft sind die Grenzen zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit fließend.

Das ist nicht zuletzt bei jenen der Fall, die sich aus Barmherzigkeit, aus einem tief empfundenen Erbarmen für Menschen in Not für Gerechtigkeit einsetzen, die sich also nicht mit der unmittelbaren Hilfe für notleidende Menschen zufrieden geben, sondern sich bemühen, jene Strukturen zu ändern, die Menschen in Not geraten lassen. Barmherzigkeit kann daher eine wichtige Motivation für politisches Handeln sein. Nicht selten führt sie auch zu einer bestimmten Weise, politisch zu handeln. Nicht zuletzt kann Barmherzigkeit aber auch den Stil der Politik – etwa den Umgang mit politischen Gegnern – bestimmen. Zu den Werken der Barmherzigkeit gehört auch das geduldige Ertragen von Lästigen, die Beratung von Zweifelnden oder die Belehrung von Unwissenden. Wie sähe – gerade heute, im Schatten der Präsidentschaftswahl in den USA und politischer Verwerfungen in Europa – eine Politik aus, die von diesen „Werken“ bestimmt wäre?

Holger Zaborowski ist Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

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