Berlin

Ködern für den Glauben?

Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ geriet in die Schusslinie. Darf katholische Entwicklungshilfe missionieren?

Geschenke
Familien aus Roma-Gemeinschaften erhalten Geschenkpäckchen. Foto: Samaritans Purse

Bald ist es wieder soweit: Tausende Weihnachtspäckchen, gefüllt mit Spielsachen, Kinderkleidung und Süßigkeiten werden Deutschland per LKW verlassen. Wohin die Reise geht? Das Ziel sind bedürftige Kinder in Ländern wie Rumänien, Georgien oder Moldawien. Für viele wird es das erste Geschenk ihres Lebens sein. Die Rede ist von „Weihnachten im Schuhkarton“, ein Projekt des internationalen Vereins „Samaritan?s Purse – Die Barmherzigen Samariter“. Ursprünglich aus den USA kommend, etablierte die Berlinerin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Entscheidung“, Irmhild Bärend, die Aktion 1996 im deutschsprachigen Raum.

Heute sind es laut Eigenangaben über 370 000 Päckchen, die allein Deutschland, Österreich und die Schweiz verlassen. Weltweit werden jährlich um die zehn Millionen Kinder in 119 Ländern aller Kontinente erreicht. In den letzten Jahren wurden Stimmen gegen „Weihnachten im Schuhkarton“ laut. Katholische Bistümer reagierten: Nach dem Bistum Trier distanziert sich nun auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart von der Geschenkeaktion. Nicht nur das, sie warnt sogar vor dem Projekt. Was ist der Stein, an dem kirchliche Einrichtungen und Medien einen Anstoß nehmen? Es wurde bekannt, dass hinter der Aktion die internationale evangelikale Bewegung des bekannten US-Predigers Billy Graham steht.

Keine prominenten katholischen Unterstützer

Dass es bei den vielfältigen Hilfsprojekten der Bewegung auch um christliche Mission geht, daraus macht die Homepage keinen Hehl. Die Verteilung der Geschenkpäckchen erfolgt im Rahmen von Weihnachtsfeiern, die durch örtliche Kirchen unterschiedlicher Konfessionen durchgeführt werden. Den Kindern wird dort auch ein „Heft mit Bibelgeschichten in der jeweiligen Landessprache“ angeboten und sie werden eingeladen, an dem Glaubenskurs „Die größte Reise“ teilzunehmen. Wo es nicht in den religiösen oder kulturellen Kontext passt, wird von Weihnachtsfeiern und den Heften abgesehen.

Auf der Internetseite von „Weihnachten im Schuhkarton“ sprechen sich prominente Stimmen für die Aktion aus. Die „Germany?s Next Topmodel“-Gewinnerin Toni Dreher-Adenuga besuchte die „Weihnachtswerkstatt“ 2018 als Testimonial. Unterstützer aus dem kirchlichen Umfeld sind Michael Diener, Ratsmitglied der EKD oder Ekkehart Vetter, Vorsitzender der Evangelischen Allianz. Eine katholischen Stimme lässt sich allerdings nicht finden. Was nicht weiter verwunderlich ist, gehen die Meinungen, ob und wie Entwicklungshilfe mit Mission verknüpft sein soll, doch auseinander. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart bemerkt in ihrem aktuellen Amtsblatt, dass die Aktion „keine nachhaltige Entwicklungshilfe für Kinder in Not“ leiste.

Skepsis gegenüber dem Missionierungsprojekt

Der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Pater Karl Wallner, äußert gegenüber der „Tagespost“: „Ich teile die Skepsis der Diözese gegenüber dem Missionierungsprojekt.“ Gleichzeitig betont er, dass die katholischen Hilfsorganisationen oft den Eindruck erwecken würden, dass sie zu sehr auf rein humanitäre Entwicklungshilfe setzen und zu wenig auf die Verkündigung des Glaubens und die Förderung der Kirche. Für ihn bilden die beiden Pole eine Einheit. Christliche Mission muss nachhaltig sein und kann nicht bloß darin bestehen, fromme Glaubenssätze weiterzugeben. „Jesus Christus ist Mensch geworden, um die gesamte menschliche Wirklichkeit zu heilen“, so Pater Karl Wallner.

Zwei Seiten einer Medaille

Peter Schallenberg, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn, gibt zu bedenken, dass Mission und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille seien. Die eine Seite bilde die reine Hilfe ohne Verweis auf den Glauben. Dafür stehe das Gleichnis des Barmherzigen Samariters, der als Nicht-Jude einem Juden konkrete Hilfe bot. Doch: „Wenn der Katholik nicht doch recht bald im Zusammenhang mit tätiger Nächstenliebe von dem spricht, der uns die vollkommene Liebe des Vaters gebracht hat – Jesus Christus – wird er wohl kein allzu überzeugter Katholik sein“, meint Schallenberg zu der Kehrseite der Medaille.

Er betont, dass das letzte Ziel des Christentums das ewige Wohlergehen sei. Als Beispiel erwähnt er die Arbeit der Mutter-Theresa-Schwestern, deren Dienst von der täglichen Heiligen Messe und dem Gebet begleitet und getragen wird. Das Wort des großen Kirchenlehrers Thomas von Aquin: „Die Gnade setzt die Natur voraus“, lasse sich auch auf die katholische Entwicklungshilfe übertragen.

„Es muss angefangen werden bei der Natur, die die anpackende Nächstenliebe darstellt, bevor dann bald und schnell von der Gnade Jesu Christi die Rede ist“, erklärt der Sozialethiker. Womöglich täten sich westliche Katholiken mit zusammenhängender Glaubensverkündigung deshalb so schwer, weil Mission und Evangelisation in der Vergangenheit Missbrauch erfahren haben und noch immer teilweise mit einem negativen Beigeschmack verbunden sind.

Kirche zwischen Chimäre und Hoffnungszeichen

Pater Karl, der im Kontext seiner Tätigkeit als Leiter von „Missio“ Österreich zahlreiche Projekte auf allen Kontinenten besucht, meint zu diesem Aspekt: „Während man in Europa von der Kirche nichts mehr erwartet und sie zur Chimäre für negative Assoziationen geworden ist, ist sie für die Völker auf den anderen Kontinenten das große Hoffnungszeichen.“

Jetzt bleibt noch die Frage, ob der einzelne Katholik ein evangelikales Projekt unterstützen kann? „Ja“, meint Sozialethiker Schallenberg, „sofern eindeutig erkennbar ist, dass es um Jesus Christus geht.“

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