Kampf gegen die Verbitterung

DDR-Opfern muss mehr geholfen werden. Neben medialem Interesse braucht es erweiterte Rehabilitierungsgesetze und finanzielle Unterstützung. Von Lutz Rathenow
Foto: dpa | Für viele Opfer ist das erlittene Unrecht in der DDR noch nicht verblasst. Ein Sozialfonds könnte Spätfolgen für die Betroffenen mindern.
Foto: dpa | Für viele Opfer ist das erlittene Unrecht in der DDR noch nicht verblasst. Ein Sozialfonds könnte Spätfolgen für die Betroffenen mindern.

Eine Frau fliegt aus politischen Gründen von einer Universität in der DDR. Der Fall ist klar und aktenkundig. Sie wird rehabilitiert. Wenn es Beweise in den Unterlagen gibt und sie den Amtsbriefwechsel nicht scheut, bekommt sie vielleicht einen Rentennachteilsausgleich. Der ist nicht hoch und kann die Folgen des Karriereknicks nicht ausgleichen. Aber er zeigt den Willen der Gesetzgeber, sich an die Seite der Opfer zu stellen und etwas wiedergutmachen zu wollen.

Diese eine hier anonymisierte Frau steht für ähnliche und anders verlaufene Fälle – gerade aus den 70er und 80er Jahren. Sie eint eines: Anfang der 90er Jahre hatten viele Menschen anderes zu tun als sich zu sehr um die eigene Vergangenheit zu kümmern. Erst Jahre später will die erwähnte Frau ihr Studium nachholen. Eine Kunsthochschule erklärt sich schließlich dazu bereit. Die Schule will wieder etwas gutmachen. Inzwischen ist die Frau aber in Hartz IV abgerutscht, würde aber auf diesem Absicherungsniveau gerne studieren. Jedoch das Jobcenter stellt sich stur und besteht auf – vorsichtig gesagt – nicht sehr erfolgsträchtigen Umschulungen. In einem Rehabilitierungsgesetz steht etwas von einer bevorzugten Förderung von solchen Fällen. Die Mitarbeiter der Arbeitsagentur werden darauf verwiesen. Das hilft manchmal, in diesem Fall half es nicht.

Nun ist die Frau nicht nur wütend, sondern erstmals auch verbittert. Zum Unrecht aus DDR-Zeiten kommt nun der Frust über den vergeblichen Versuch, es aufzuklären. Zu dem Problem von Arbeitsamtsmitarbeitern mit staatstreuer DDR-Vergangenheit kommt das der Kenntnislosigkeit und der daraus folgenden mangelnden Sensibilität heute hinzu. Es gibt Gedenktage, Gedenkorte und Gedenkreden und eine gute wissenschaftliche Aufarbeitung zur DDR-Vergangenheit. Davon hört und liest diese Frau und fühlt sich durch den Erfahrungskontrast nur noch isolierter.

Die Nachwirkungen eines Staates treten bei Einzelmenschen – die Frau als Einzelfall zu bezeichnen ist Teil des Problems – mit zeitlicher Verzögerung ein. Berater, Psychologen und Therapeuten sprechen von ähnlichen Erfahrungen: die körperlichen und vor allem psychischen Probleme treten über Jahrzehnte verzögert hervor. Die Nichtklärung der Gründe manövriert die Betroffenen in Problemzonen hinein. Kurz vor Renteneintritt merken viele, wie sehr sie mit aus politischen Gründen gebrochenen Biografien noch einmal durch die Höhe der Rente benachteiligt werden. Besonders, wenn sie nur Opfer von Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit geworden sind, aber nicht in Haft waren. Dann gibt es die sogenannte Opferrente in der Höhe von 250 Euro nicht. Nicht vorhandene Akten tragen absurderweise heute zur Steigerung der Unzufriedenheit bei. Nicht umsonst sprechen seit einigen Jahren Psychologen vom Post-DDR-Verbitterungssyndrom, auf einem Kongress im brandenburgischen Schwedt letztes Jahr war das ein Thema.

Um eines klarzustellen: Es gibt posttraumatische Belastungsstörungen aus der DDR-Haft, bei Insassen von Heimen und Jugendwerkhöfen, bei psychiatrischem Missbrauch und in anderen Fällen. Auch die treten oft zeitverzögert auf. Hier geht es um etwas anderes, zum Beispiel eine politisch inspirierte Strafzahlung aus DDR-Zeiten, deren Nicht-Anerkennung als politisches Unrecht zum Zweifel am Rechtsstaat heute bei den Betroffenen geführt hat. Das geht über grummelnde Unzufriedenheit weit hinaus und führt zu unterschiedlicher Verbitterungsintensität, die das Leben, die Gesundheit und vor allem die sozialen Kontakte beeinträchtigt. Mancher bedürfte sicher einer kenntnisreichen psychologischen Unterstützung – eine generelle Behandlungsnötigung verschärft die gefühlte Problemlage bei anderen nur.

Was bedarf es? Verbesserter und erweiterter Rehabilitierungsgesetze, einer Weiterbildung aller damit Befasster, wozu auch Ärzte, Psychologen, Juristen und Gutachter zählen. Es bedarf größtmöglicher Hilfe bei der Aufspürung von Daten, die den Betroffenen helfen, das Geschehene beweisen zu können. Solche Transparenzrecherchen können auch plausibel machen, das nicht hinter jedem Unrecht in der DDR eines der DDR und ihrer Organe steckten. Aber hinter viel zu vielem Unrecht steckt die DDR, sodass man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Wie misst man Leid, was sind solche Erfahrungen einer Gesellschaft heute wert? Öffentliche Aufmerksamkeit und mediales Interesse sind ein Mittel gegen das Verbitterungssyndrom. Ein Sozialfonds unterhalb der Ebene der Reha-Gesetze wie bei dem Heimkinderfonds wäre ein anderes.

Der Autor ist Sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen und Schriftsteller.

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