Wien

Ist der Papst zu links?

In der Enzyklika „Fratelli tutti“ ruft der Papst erneut zur Bewahrung der Schöpfung und zum Kampf gegen den Kapitalismus auf. Diese Gedankenansätze bergen aber die Gefahr einer Diktatur.

Papst Franziskus
Ein Flüchtling küsst den Papst am Ende seiner wöchentlichen Generalaudienz. In seiner neuen Enzyklika spricht Franziskus von der Pflicht, jedem Menschen einen Ort zu geben, an dem er sich verwirklichen kann. Foto: imago

Die jüngste, dritte Enzyklika von Papst Franziskus birgt im Wesentlichen nichts Neues. Zum einen deswegen nicht, weil sie sich – wie sollte es anders sein – aus dem speist, was die Kirche seit jeher über den Menschen und seine Welt „weiß“ und in die jeweilige Zeit hinein verkündet. Fromm ausgedrückt geht es letztlich um Berufung zur Heiligkeit bei bleibender Erlösungsbedürftigkeit – also um die Größe des Menschen und seine Abgründe. Die spezifischen Akzente, die Franziskus darüber hinaus setzt, sind ebenfalls aus seinem bisherigen Pontifikat vertraut: sein Blick auf die „Ränder“, seine Positionen zu Fragen globaler Gerechtigkeit und Migration und zum Schutz der Umwelt. In „Fratelli tutti“ finden sich seine diesbezüglichen Gedanken noch einmal gebündelt. Wenig verwunderlich ist es daher, dass sich die Reaktionen auf „Fratelli tutti“ im erwartbaren Rahmen bewegten: Die Anhänger von Franziskus sehen sich ebenso bestätigt wie jene, die das Wirken des gegenwärtigen Bischofs von Rom skeptisch bis kritisch bewerten.

Der Papst behält seine anitmarktwirtschaftliche Haltung bei

Einmal mehr kommt in der Enzyklika die extrem globalisierungskritische und antimarktwirtschaftliche Haltung dieses Papstes zum Vorschein. Die im mehrheitlich linken Funktionärskatholizismus gängige Lesart der Katholischen Soziallehre darf sich von diesem Papst gleichsam lehramtlich bestätigt fühlen. Ebenso die auch von zahllosen säkularen NGOs und vom medialen Mainstream verbreitete Sicht sozioökonomischer Zusammenhänge, wonach das herrschende System des angeblich menschenverachtenden Kapitalismus einzig der schamlosen Bereicherung einer schmalen Elite dient, während „die Armen immer ärmer“ werden.

Nicht in den Blick kommt, dass „diese Wirtschaft“ eben nicht „tötet“ (Franziskus in „Evangelii gaudium“), sondern das effektivste Mittel zur Verbreitung von Wohlstand, Frieden und sozialer Sicherheit ist, das es je gegeben hat. Nein, die Welt ist natürlich nicht „in Ordnung“ – das kann und wird sie nie sein – man denke etwa an das Jesuswort von den Armen, die wir „immer“ bei uns haben werden (Mt 26,11). Aber wahr ist auch, dass noch nie für so viele Menschen in Ansätzen erfahrbar wurde, wovon sprachgewaltig die biblischen Verheißungen künden (die freilich noch einmal auf eine ganz andere Wirklichkeit zielen).

Fuest: „Kein Wohlstand ohne Marktwirtschaft“

Wobei es das, was Franziskus offenbar für eine der größten Geißeln der Menschheit hält, so ohnedies nicht gibt. So gut wie niemand glaube heute noch, dass der Markt alle Probleme lösen könne, meinte etwa der Chef des renommierten Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, gegenüber der deutschen KNA. „Es gibt kein Land auf der Welt, in dem eine ungeregelte Marktwirtschaft ohne staatliche Einflüsse existiert. Klar ist gleichzeitig, dass es kein Land gibt, in dem Wohlstand, Naturschutz und Humanität ohne Marktwirtschaft gedeihen“, so Fuest. Letztlich geht es um das Grundmissverständnis sozialistischen Denkens: zu meinen, es könne Gleichheit auf hohem Niveau geben. Richtig aber ist, dass die Ungleichheit das Ergebnis und der Preis jener Dynamik ist, von welcher am Ende fast alle profitieren, auch und gerade die am unteren Rand, die Armen.

Ähnlich ratlos bleibt man auch zurück, wenn der Papst im Zusammenhang mit der Migrationsthematik von der „Pflicht“ spricht, „das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er […] sich auch als Person voll verwirklichen kann“. Das macht, zu Ende gedacht, jedwede Migrationspolitik obsolet. Auch in dieser Frage gilt: Der linke Mainstream kann sich bei seiner als humanitär geltenden Agitation auf den Papst berufen. Wohingegen ein Politiker wie der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, der vor einiger Zeit in diesem Zusammenhang von „NGO-Wahnsinn“ gesprochen hat, unter Rechtfertigungspflicht gestellt wird, wie eine solche Position mit der christlichen Orientierung seiner Partei (ÖVP) in Einklang zu bringen wäre.

Falsche biblische Bilder in der Migrationspolitik

Der in Wien lehrende Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger hat in einem luziden Beitrag für die katholische Wochenzeitung „Die Furche“ deutlich gemacht, dass in der Migrationsthematik, etwa im konkreten Fall der Frage einer Aufnahme von Insassen des abgefackelten Lagers in Moria, nicht eine bestimmte Position für sich in Anspruch nehmen dürfe, als „christlich“ zu gelten. Und er warnt: „Wer den Begriff der kulturellen Identität eines Volkes aus der katholischen Soziallehre verbannen möchte, muss sich nicht wundern, wenn er von Kräften aufgegriffen wird, die ihn missbrauchen.“

Die einschlägigen biblischen Texte, die hier immer wieder bemüht werden, von der Herbergssuche (Lk 2,1 ff.) über die Flucht nach Ägypten (Mt 2,13 ff.) bis – insbesondere – zum „barmherzigen Samariter“ (Lk 10,25 ff.) taugen allesamt nicht als Grundlage für Migrations- oder Sozialpolitik, zumal unter den Bedingungen einer medial gesteuerten globalen Massengesellschaft. Die nach Ägypten flüchtende heilige Familie etwa entkam einer unmittelbaren Bedrohung und zog, als diese vorbei war, wieder in ihre Heimat zurück. Der „barmherzige Samariter“ berichtet von einer individuellen Hilfeleistung in einer konkreten Situation. „Dann geh und handle genauso!“ heißt es da – und eben nicht, und das ist der entscheidende Punkt: „… und verpflichte die Allgemeinheit, so zu handeln“.

Hat Europa noch den Mut zur Selbstbehauptung?

Die Vermengung dieser Ebenen ist wohl auch das eigentliche Problem bei der oben genannten Wirtschaftsthematik: Eine globale Wirtschaft kann nicht nach Regeln zwischenmenschlichen „ökonomischen“ Handelns fungieren. Wer aber solche Regeln als allgemein gültig etablieren möchte, landet über kurz oder lang bei irgendeinem Zentralkomitee, das über deren Einhaltung wacht. Von der Migrationsthematik führt ein kurzer Weg zum Thema Islam: So sehr verständlich ist, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche den Brückenschlag zur islamischen Welt sucht, so irritiert doch, dass dieser Pontifex nicht erkennen lässt, dass ihm die gewaltige Bedrohung der westlichen Zivilisation und damit noch immer der Christenheit durch das Vordringen des Islam auch nur annähernd bewusst wäre.

Europa wäre nicht Europa, hätte es nicht auch so etwas wie den Mut zur Selbstbehauptung des Christentums respektive der katholischen Kirche gegeben. Ob unsere Zivilisation diesen Mut überhaupt noch hat, kann man freilich bezweifeln, wenn man daran denkt, dass die im Vorfeld der Veröffentlichung von „Fratelli tutti“ meist diskutierte Frage war, ob der dem Hl. Franz von Assisi entlehnte Titel („fratelli“ – und was ist mit den „sorelle“) gendertechnisch korrekt sei.

Der Autor war Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“. Er ist Redakteur der Tageszeitung „Kurier“ in Wien.

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