Kirche und Kapital

Kirche und Kapitalismus: Im Namen Gottes und des Profits

Um das Jahr 1400 schob der christliche Glaube den Kapitalismus geradezu an. Doch diese Periode blieb die Ausnahme. Warum die Kirche den Markt nicht mag beschreibt unser Zwischenruf.
Papst Franziskus - Angelusgebet
Foto: dpa | Papst Franziskus steht mit seiner Kapitalismuskritik und Skepsis gegenüber dem Markt in einer langen Tradition seit Papst Pius IX.

Francesco di Marco Datini (1335–1410), ein Selfmademan der Renaissance, ist der Prototyp des modernen Kaufmanns. Datini war Tuchhändler, Bankier und Spekulant. Er hat es zu unbeschreiblichem Wohlstand gebracht, ein erstes globales Unternehmen mit Zweigniederlassungen im gesamten Mittelmeerraum gegründet und die Künste zu großer Blüte geführt. Und er hat eine Stiftung für die Armen eingerichtet, die heute noch existiert.

Anstrengung und Lohn

Tatsächlich vollzieht sich in Norditalien im späten Mittelalter und der frühen Renaissance eine Umwertung der bis dahin geltenden Werte, die dem sich entfaltenden globalen Handel der damaligen Welt seine moralische und theologische Legitimation verschaffte. Das Florentiner Zeitalter der Industrie und des Handels verstand sich mindestens so sehr im Einklang mit dem Auftrag des Schöpfers, wie es sich von der mittelalterlichen religiösen Tradition absetzte. So hart, wie Gott gearbeitet hatte, um seine Schöpfung so gut wie möglich – also perfekt – zu machen, so sehr sollten auch die Florentiner Kaufleute sich anstrengen, um am Ende dafür die gerechte Belohnung zu erhalten. Kaufmännische Arbeit ist Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes und also gut und gottgefällig.

Die Pflicht reich zu werden

Die Jahre nach 1400 sind die Achsenzeit der europäischen Wohlstandsgeschichte. Hier ist die Antwort zu finden auf die Schicksalsfrage, warum einige Nationen reich, andere aber arm geblieben sind. Jetzt wurde der biblische und mittelalterliche Diskurs, der den Reichtum diskreditierte („eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, ...“) und die Händler schlecht machte, umgewidmet in eine positive Rhetorik, wonach es – „im Namen Gottes und des Profits“ – gleichermaßen Aufgabe und Pflicht der Kaufleute sei, „reich zu werden und ehrenwerte Leute zu sein“. Der christliche Glaube, so kann man sagen, hat den Kapitalismus angeschoben.

Diese positive Einstellung der Christen zu Marktwirtschaft, Wettbewerb und Wohlstand ist eine historische Ausnahme geblieben, sieht man einmal von der spätscholastischen Schule von Salamanca im 16. Jahrhundert ab, die eine Wettbewerbsethik, eine Eigentums- und Preistheorie entwickelte und damit dem freien Markt auch als Moralgenerator zu seinem Recht verhalf.

Utopie eines christlichen Kommunismus

Doch spätestens im 19. Jahrhundert war diese prokapitalistische Tradition in Vergessenheit geraten. Die sogenannten Sozialenzykliken der italienischen Päpste konnten zurückgreifen auf die Rhetorik der frühen Kirche gegen Reichtum, Gier und Privateigentum (Johannes Chrysostomos, Ambrosius von Mailand). Die Utopie des christlichen Kommunismus, von dem die Apostelgeschichte erzählt, und die frühchristliche Propaganda gegen Eigentum und Reichtum wurden nun das bestimmende sozialethische und ökonomische Narrativ für Kirche und Theologie. Diese Rhetorik taugt bis heute als Steinbruch für einen populären Antikapitalismus, der auf viele Christen eine große Verführungskraft ausübt. „Entscheidend ist, dass die kirchliche Lehre die Marktwirtschaft nicht von innen her begriffen und zu ihr kein positives Verhältnis gefunden hat“, so der Bonner Staatsrechtler Josef Isensee.

Der „Erfinder des Katholizismus“

Es war Papst Pius IX. (1792–1878), jener lang regierende „Erfinder des Katholizismus“ (Hubert Wolf), der sich nach anfänglichem Sympathisieren mit dem Liberalismus rasch zu einem reaktionären Kirchenmann mauserte, dem die Aufklärung als ideologisch-antiklerikale Vorbotin der französischen Revolution verhasst war, in deren Gefolge die politische Macht des Kirchenstaats kollabierte. Konsequent verurteilte dessen Katalog der Zeitirrtümer („Syllabus errorum“), veröffentlicht als Anhang der Enzyklika „Quanta Cura“ von 1864, den „heutigen Liberalismus“ als schweren Irrglauben.

Papst Pius IX.

Vorbehaltlos anzuerkennen, dass die Marktwirtschaft allen anderen Wirtschaftssystemen überlegen und zugleich im Einklang ist mit dem Auftrag des Schöpfergottes, blieb der Kirche versagt, eben weil sie Aufklärung und liberale Philosophie stets als Verfallsgeschichte hin zu einem egoistischen Individualismus verurteilen zu müssen glaubte. Ohne ein positives Verhältnis zur liberalen Tradition der Aufklärung ist aber ein positives Verständnis zu Markt, Wettbewerb und privaten Eigentumsrechten schlechterdings nicht zu haben.

Auseinandeersetzung mit der Freiburger Schule

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Aber immerhin: Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es eine intellektuell anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der auf Marktwirtschaft setzenden Ökonomie. Neben den Jesuiten Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning waren es abermals Dominikaner im rheinischen Walberberg und im welschschweizerischen Fribourg, die sich sehr intensiv mit der Freiburger Schule auseinandersetzten, eben jener ordnungsökonomischen Theorie der sozialen Marktwirtschaft, die als Modell für das deutsche Wirtschaftswunder und den Wohlstandserfolg der Bundesrepublik ausschlaggebend werden sollte. Allein, auch hier fiel das Urteil skeptisch bis ablehnend aus.

In der Dissertation des Dominikanerpaters Edgar Nawroth über die „Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus“ (1961) wurden Walter Eucken und seine Freiburger Freunde pauschal als „Nominalisten“ niedergemacht, deren Vorstellung von Markt und Wettbewerb mit der christlichen Gesellschaftslehre nicht vereinbar seien: „Der Neoliberalismus ist in seiner Grundkonzeption konsequenter Individualismus, der sich um den Begriff der verabsolutierten, aber formalistisch interpretierten individuellen Freiheit zentriert“, liest man im ablehnenden Resümee bei Nawroth. Für jeden damaligen Leser war damit klar: Markt geht gar nicht. Und es geht nicht, weil dieser Marktgedanke aus der Freiheitsphilosophie der Aufklärung stammt, die nun einmal für den Katholizismus zum Trauma des Machtverlustes geworden war. Stattdessen liebäugelten die Dominikaner aus Walberberg mit einem „christlichen Sozialismus“ (Eberhard Welty) als Alternative zum Marxismus.

Marxistische Gedankenwelt

Doch es kommt noch schlimmer. Während die zur katholischen Soziallehre gemauserte katholische Tradition seit der Enzyklika „Quadragesimo anno“ gerne von einem „dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus träumte, ein Weg, auf dem eine „solidarische Gesellschaftsordnung“ im Interesse des „Gesamtwohls des Volkes“ angestrebt wurde, öffneten Kirche und Theologie sich im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils in bislang nicht gesehenem Ausmaß für sozialistische und marxistische Theorie- und revolutionäre Praxismodelle. „Theologie der Befreiung“ (Gustavo Gutierrez) oder „Theologie der Hoffnung“ (Johann Baptist Metz) übten auf viele Christen und Theologen seit den sechziger Jahren große Faszination aus. Wo freilich von Bodenreform und Enteignung das christliche Heil erhofft wird, ist für die Marktwirtschaft und die sie tragenden Rechtsinstitutionen kein Platz mehr.

Der christliche Sozialethiker Wilhelm Weber, ein Schüler von Joseph Höffner, hat kurz vor seinem sehr frühen Tod 1983 einen polemischen, auch heute noch lesenswerten Essay verfasst, der den Titel trägt: „Wenn aber das Salz schal wird…“. Darin untersucht er den Schaden der an der linken kritischen Theorie der Frankfurter Schule orientierten Soziologisierung von Theologie und kirchlicher Praxis, die letztlich ihrer Selbstaufgabe gleichkommt. Die Kirche sollte sich jetzt messen lassen an ihrer „Funktion für die Veränderung der Gesellschaft“. Auf der Strecke dieser soziologischen Funktionalisierung blieb nicht nur der Eigenwert des Kultischen und die nicht funktionalisierbare Haltung des christlichen Heilsglaubens. Auf der Strecke blieb dabei jegliche kritisch-affirmative Auseinandersetzung mit den Wohlstandsleistungen der sozialen Marktwirtschaft. Mangelnde ökonomische Kompetenz in Kirchen- und Theologenkreisen wurde durch „prophetische Gestikulation“ (Arthur F. Utz) ersetzt.

Anpassung an den Zeitgeist

Aus der schroffen Antithese zum Zeitgeist im 19. Jahrhundert ist im 20. Jahrhundert die Anpassung an den Zeitgeist geworden. Aus der wirtschaftsethischen Suche nach einem Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist Ignoranz der Marktwirtschaft geworden bei bis heute anhaltendem Flirt mit dem Sozialismus. Ein Großteil der kirchlichen Funktionäre, ihre Verbände, ihre Theologen sind bis heute empfänglich für eine Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer. Wichtige Lehrstühle der christlichen Gesellschaftslehre sind mit Vertretern dieses funktionalistischen Soziologismus besetzt.

Papst Franziskus - Angelusgebet

„Diese Wirtschaft tötet." Papst Franziskus

Papst Franziskus („Diese Wirtschaft tötet!“) bedient diesen Zeitgeist aufs Beste, versehen mit einem ordentlichen Schuss südamerikanischem Peronismus. Die Idee, dass die Armen eine besondere Unschuld auszeichne, ist für diesen Jesuiten-Peronismus zentral. Die Armen sind die Bewahrer einer nicht von Egoismus, ökonomischen Interessen, Geld und Individualismus korrumpierten naiven Reinheit. Sie werden sowohl politisch als Wähler wie theologisch als Kirchenvolk instrumentalisiert.

Würden die Armen mithilfe marktwirtschaftlicher Reformen ihr Elend verlassen, verlöre diese Soziallehre ihre Basis und ihre Legitimation. Ein Kapitalismus, der die Armen reich macht, stört. Das war in der Renaissance anders gewesen.

Der Autor ist Wirtschaftsjournalist und Publizist. Von 2001 bis 2018 leitete er die Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In Tübingen und Fribourg hat er Katholische Theologie studiert. Die Fortsetzung der Debatte „Sollen Superreiche eine Corona-Abgabe zahlen“ wird erst in der nächsten Ausgabe erscheinen.

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