Hilfe zur Selbsthilfe

Die Genossenschaftsidee feiert Jubiläum – Sie prägt auch die Arbeit von Kolping. Von Heinrich Wullhorst
Kolping
Foto: KNA | Adolph Kolping sichert einem Gesellen seine Unterstützung zu. Dieser Ansatz prägt auch die internationale Arbeit von Kolping.

Vor 200 Jahren wurde Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren. Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, nennt ihn einen „christlichen Überzeugungstäter“. Raiffeisen gehört zu den Mitbegründern der Genossenschaftsidee. Dahinter steckt der Gedanke, das eigene Geld für das Gemeinwohl einzusetzen. In seiner Heimat im Westerwald erlebt der Protestant Armut und Hunger der Menschen hautnah. Raiffeisen will den Menschen mehr geben als Almosen. Er verteilt keine Brote, sondern errichtet ein Backhaus. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Prinzip, mit dem sich seine Idee beschreiben lässt. Es ist bis heute ein Erfolgsrezept.

Die Idee, Menschen in Not zu helfen, indem man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Lebensumstände selbst zu verändern, bewegt auch den Priester Adolph Kolping, der als Zeitgenosse Raiffeisens die Bedrängnis der Wandergesellen erkennt. Der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe treibt den Vordenker der Katholischen Soziallehre an. So entsteht der Gesellenverein. Kolping baut auf soziale Einrichtungen, die einem Netzwerkgedanken folgen. Er schafft nicht nur Gesellenhospize als Unterkünfte für wandernde Gesellen. Er errichtet eigene Krankenkassen, Sparkassen, organisiert eine Arbeitsvermittlung und schafft berufliche Fortbildungsmöglichkeiten.

Ähnlich wie beim Genossenschaftsmodell von Raiffeisen geht es ihm um Instrumente, mit denen sich Menschen in schwierigen sozialen Lagen gegenseitig helfen können. Das gilt noch heute, wenn man zum Beispiel in Deutschland auf die Kolping-Bildungswerke oder die Jugendwohneinrichtungen des Verbandes schaut. Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern. Sie sollen lernen, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. „Mit der wachsenden Fähigkeit zum eigenständigen Handeln entwickelt sich ein stärkeres Selbstbewusstsein der Menschen“, erzählt Markus Demele. Er ist Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerkes. Das Internationale Kolpingwerk gibt es in 60 Ländern der Erde. Und das aus gutem Grund.

Durch Kolping-Projekte erhalten etwa 400 000 Menschen jährlich Hilfe zur Selbsthilfe. Und dabei wird nichts von außen übergestülpt: „Wir holen die Menschen mit ins Boot, die später von den Projekten profitieren sollen, und fragen sie, was leistbar ist, was benötigt wird und was nicht“, erklärt Demele. So arbeitet Kolping mit den Menschen vor Ort aktiv an der Bekämpfung von Armut durch den Aufbau nachhaltiger Sozialstrukturen in Form von Selbsthilfegruppen.

Diese Kolpingsfamilien haben damit eine ganz andere Prägung, als man sie inzwischen in Deutschland oft wahrnimmt. Kolping ermöglicht es Menschen, durch die Förderung von Kleingewerben und berufsbildende Programme ein Arbeitseinkommen zu erzielen. Ähnlich wie einst bei Friedrich Wilhelm Raiffeisen werden Kleinkredite vergeben, damit sich Kleinstbetriebe Werkzeuge, Maschinen oder Saatgut anschaffen können. Handwerker und Kleinbauern werden fachlich beraten und geschult. Aus- und Weiterbildungsprogramme in eigenen Kolping-Berufsbildungszentren ermöglichen jungen Menschen, sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

In landwirtschaftlichen Betrieben vieler Länder gelingt es den Produzenten nur selten, gerechte Preise für ihre Waren zu erzielen. Aber nur, wenn sie für den Anbau von Kaffee, Schokolade oder Obst angemessen entlohnt werden, haben sie selbst einen Zugang zu den lebensnotwendigen Versorgungsgrundlagen wie Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung. Am Beispiel von Kaffeeproduzenten aus Honduras wird deutlich, wo die Probleme liegen. Alex Emigdio Avilez aus La Esperanza berichtet, was durch Zwischenhändler passiert, wenn die Kooperativen ihre Produkte nicht selbst vermarkten können: „Sie geben uns den Preis, den sie wollen und sie regeln auch die Gewichte. Wir sind nicht Herr unserer Sache, unseres Produkts.“ Durch die Unterstützung von Kolping Honduras hat sich das geändert, erklärt Irene de Jesús Cáceres aus Reforma Cuyamapa: „Zuvor lebten wir in großer Not. Wir haben Kaffee angebaut, um Kaffee anzubauen und Arbeit zu haben, aber nicht, um etwas zu verdienen. Kolping hat uns geholfen, uns selbst und unsere Arbeit zu würdigen und auch, unseren Kaffee zu verbessern.“ Weitere Beispiele zeigen, wie gut das Prinzip nach mehr als 150 Jahren funktioniert. So hat das Kolpingwerk im Jahr 2000 in Nordostbrasilien mit dem Bau von Zisternen begonnen: Durch Schulungen und mit einem Zuschuss für die Baumaterialien haben mittlerweile über 1 200 Familien in zahlreichen Dörfern eine Zisterne errichtet. Zur Hilfe zur Selbsthilfe gehört auch, Zivilgesellschaften zu stärken und demokratische Teilhabe zu entwickeln. Hier werden Kolpingmitglieder durch gesellschaftspolitische Bildung gestärkt.

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