Hartz statt Herz für Kinder?

Vor dem Bundesverfassungsgericht wird verhandelt, ob die „Hartz-IV“-Regelsätze für Kinder verfassungsgemäß sind

Ab wann ist ein Kind arm? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Es gibt Länder, da fühlt ein Kind sich reich, wenn es sich sattessen kann, ein Dach über dem Kopf hat und genug Kleidung besitzt, um nicht zu frieren. In Deutschland fühlt ein Kind sich arm, wenn das Geld nicht für ein Paar neuer Winterschuhe reicht. So ist es bei dem neunjährigen Tobias aus Dortmund, dessen Fall am Dienstag vor dem Bundesverfassungsgericht besprochen worden ist – als einer von mehreren und stellvertretend für 1,7 Millionen Kinder, die auf Hartz IV angewiesen sind.

Tobias bekommt den Hartz-IV-Regelsatz für Kinder. Das sind 251 Euro, siebzig Prozent des Hartz IV-Regelsatzes für Erwachsene. So viel ist für Kinder zwischen sieben und dreizehn Jahren vorgesehen. Den vollen Hartz IV-Regelsatz, 359 Euro, bekommt ein alleinstehender Erwachsener, Ehepartner erhalten pro Person neunzig Prozent davon, für Kleinkinder sollen sechzig Prozent, also 215 Euro ausreichen. Nach diesen Berechnungen müsste die Familie von Tobias monatlich mit 1 363 Euro auskommen.

Aber das reicht hinten und vorne nicht, sagen die Eltern von Tobias und klagen. Dabei ist der Vater von Tobias, Joachim Kerber-Schiel, nicht einmal arbeitslos: 757 Euro netto verdient er mit seinem Halbtagsjob als Lagerarbeiter. Von diesem Geld darf er 268 Euro behalten, der Rest wird mit dem Hartz IV-Anspruch der Familie verrechnet, genau wie das Kindergeld für die zwölf Jahre alte Sharon, den neunjährigen Tobias und Jeremy, das zweijährige Nesthäkchen. Insgesamt hat die Familie jeden Monat 1 631 Euro zum Leben – also 268 Euro über dem reinen Hartz IV-Regelsatz. Dennoch wird es ab dem 20. jedes Monats eng – obwohl die Mutter Katrin Kerber-Schiel Essen und Kleidung bei Billiganbietern kauft und Kinderschuhe über das Internet ersteigert. Oft muss sie sich am Monatsende bei Bekannten etwas borgen. Ausflüge ins Schwimmbad, Jahrmärkte, Kindertheater, Kino kann sich Familie Kerber-Schiel nicht leisten. Süßigkeiten? Luxus. Mehr als 61 Cent darf das Frühstück für Tobias nicht kosten. Schon die 7,50 Euro, die seine Eltern monatlich für den Fußballverein von Tobias zahlen, sprengen eigentlich das Budget.

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel: Mit solchen Regelsätzen verletzt der Staat seine Pflicht, Familien zu schützen. Hartz IV lässt Kindern nicht genug zum Leben. Als der Hartz IV-Regelsatz für Kinder festgelegt wurde, fiel den Sozialpolitikern offensichtlich nicht mehr ein, als die Regelsätze für Erwachsene prozentual herunterzurechnen: Je jünger die Empfänger, desto kleiner die Summe, die sie benötigen. Ein Irrtum, von dem sich Eltern Tag für Tag überzeugen können: Was schon Vierjährige an Nahrungsmitteln in sich hineinschaufeln können, glaubt man erst, wenn man es selbst gesehen hat. Heranwachsende brauchen regelmäßig neue Kleider, weil die alten nicht mehr passen. T-Shirts und Pullover, Hemden und Hosen, Schuhe und Strümpfe: Plötzlich sind sie zu kurz, zu eng, zu klein. Kinder haben andere Bedürfnisse als die Großen. Sie sind mehr als Sechzig- oder Siebzig-Prozent-Erwachsene. Die Sozialpolitiker haben dies ignoriert.

Aber lassen sich solche Engpässe nicht dadurch lösen, dass die Betroffenen sparen und haushalten, ihre Lebensmittel beim Discounter kaufen und sich mit Kinderkleidung bei der Caritas eindecken? Gegenfrage: Kann der spitze Bleistift allein die Lösung sein? Geht es nicht um mehr als um Kleidung und Lebensmittel? Es geht doch um die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen. Es geht doch darum, dass der Inhalt des Portemonnaies nicht darüber entscheiden darf, ob jemand im sozialen Abseits landet oder nicht – gerade in einer Haste-was-biste-was-Gesellschaft wie dieser.

Es gibt genug Eltern, die auf Hartz IV angewiesen sind und alles tun, um ihren Nachwuchs auf gleicher Höhe mit anderen Kindern zu halten. Sie können jeden zusätzlichen Euro gebrauchen. Aber genauso gibt es Eltern, die aufgegeben haben. Ob ihre Kinder regelmäßig essen, ob sie sauber, adrett und vor allem täglich zur Schule gehen und ihre Hausaufgaben machen, interessiert diese Eltern nicht mehr. Das Hartz IV-Geld für Kinder wird irgendwie mitverbraucht und aller bitteren Erfahrung nach werden diese Kinder einmal dort landen, wo sich schon jetzt ihre Eltern befinden: im sozialen Abseits. Wenn die Karlsruher Richter demnächst entscheiden, dass der Hartz IV-Regelsatz für Kinder zu gering ist, sollte deshalb überlegt werden, wie eine Hilfe aussehen kann, die die Lage armer Kinder spürbar bessert. Dass Familien arm sind, lässt sich das auf Dauer verbergen? Man kann sich dieser Tatsache nur stellen und das Beste daraus machen: Indem die Betroffenen alles tun, was in ihren Kräften steht, um ihre Lage zu meistern. Und indem die Gesellschaft ihnen Hilfen gibt, die diesen Namen verdienen. Deshalb ist es so wichtig, Kindern in Not eine vernünftige Ausbildung und Förderung zu verschaffen, damit die schwierige Lage am Anfang ihres Lebens nicht bis zum Lebensende weitergeht. In einem reichen Land wie Deutschland braucht Kinderarmut nicht zu sein. Aber ebenso wenig die unüberlegte Verteilung der Mittel, die gebraucht werden, um sie zu verhindern.

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