Gespaltenes Europa

Wirtschaftliche Stabilität wird der alte Kontinent nur mit Zuwanderung erreichen und behaupten können – Nicht jeder tut sich damit gleich leicht. Von Robert Luchs
Flüchtlingsunterkunft
Foto: dpa | Gekommen, um zu bleiben: Die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt wird künftig noch stärker im ureigenen Interesse vieler EU-Staaten liegen.

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung untersucht die demografische Zukunft Europas. Ergebnis: Sie wird immer stärker von Migrationsbewegungen geprägt sein. Im Jahr 2015 starben in den 28 Ländern der Europäischen Union erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen als geboren wurden. Bis zum Ende der aktuellsten Vorausberechnungen im Jahr 2080 dürfte es kein einziges Jahr mehr geben, in dem die Nachwuchszahlen ausreichen, um die Zahl der Sterbefälle aufzuwiegen – obwohl Forscher mit langfristig steigenden Geburtenziffern rechnen.

Dennoch wird die EU aller Voraussicht nach vorerst weiterwachsen, von derzeit 510 auf knapp 529 Millionen Einwohner zur Mitte des Jahrhunderts. Erst dann wird ein leichter Rückgang erwartet. Dass dies so ist, liegt einzig und allein an der Zuwanderung. Die Bevölkerungsforscher gehen nämlich davon aus, dass die EU langfristig Menschen aus anderen Regionen der Welt anzieht. Zur Mitte des Jahrhunderts rechnen sie damit, dass jeder der 28 Mitgliedsstaaten sowie Island, Norwegen und die Schweiz Wanderungsüberschüsse erzielen wird – das also mehr Menschen zu- als abwandern. Diese Zuwanderung wird notgedrungen aus Nicht-EU-Ländern und größtenteils aus nicht-europäischen Ländern kommen müssen.

EU-weite Bevölkerungszahlen und Vorausschätzungen überdecken erhebliche regionale Unterschiede. Denn schon heute schrumpfen insbesondere ländliche Regionen in Zentral-, Ost- und Südeuropa. Dort liegen die Kinderzahlen niedrig, und die Restbevölkerung ist bereits deutlich gealtert. Vielerorts führt Abwanderung zu weiteren Verlusten. Im Gegensatz dazu finden sich die demografischen Boom-Regionen vor allem dort, wo die Geburtenziffern bei annähernd zwei Kindern je Frau liegen, wie in Skandinavien, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Irland, sowie dort, wo Zuwanderung Sterbeüberschüsse ausgleicht – vor allem also in dicht besiedelten Metropolregionen. Aktuell deutet wenig darauf hin, dass sich die Schere zwischen demografischen Gewinner- und Verliererregionen künftig wieder schließen könnte.

Als Ganzes dürfte die EU bis 2060 leicht an Einwohnern zu legen. Doch unter den Ländern zeigen sich erhebliche Unterschiede. So dürften Ländern im Norden und im Westen des Kontinents auf absehbare Zeit wachsen. Im Osten und im Süden Europas leiden die Länder dagegen einerseits unter Abwanderung und niedrigen Kinderzahlen. Die stärksten Verluste drohen bis Mitte des Jahrhunderts den baltischen Staaten Lettland und Litauen. Dass Europa immer stärker gespalten ist, hängt auch mit dem Wohlstandsgefälle zwischen den „alten“ EU-Mitgliedsstaaten und den „neuen“ Mitgliedern zusammen. Seit Jahren verlassen vor allem junge Menschen Bulgarien, Rumänien und Polen und suchen in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und anderswo ein neues Zuhause, zumindest vorübergehend. Daneben hat die Wirtschaftskrise, von der sich große Teile Südeuropas bis heute nicht erholt haben, eine neue Wanderung von Süden nach Norden ausgelöst.

Derlei Wanderungen sind im Rahmen der europäischen Personenfreizügigkeit und des gemeinsamen Binnenmarktes sogar explizit erwünscht. Die Menschen sollen dorthin gehen, wo sie für sich die besten Perspektiven sehen. Bislang tun sie dies im Vergleich zu anderen Wanderungsräumen wie den USA relativ wenig. Doch die innereuropäischen Wanderungen bergen auch Gefahren. So fürchten Viele im wohlhabenderen Teil Europas, dass Zuwanderer aus ärmeren EU-Staaten als „Sozialtouristen“ nach Westeuropa kommen. Auch Ängste, dass Zuwanderer das Lohnniveau senken, sind weit verbreitet. Dass solche Ängste unbegründet sind, zeigt sich inzwischen nicht nur bei den deutschen Krankenkassen, die von den in Lohn und Brot stehenden Zuwanderern profitieren. Langfristig, so die Studie, könnten eher die Herkunftsländer der Migranten unter der Abwanderung leiden: Sie verlieren gut qualifizierte Arbeitskräfte, die sie bei der Modernisierung ihrer Gesellschaften und dem angestrebten Aufholprozess gegenüber den wirtschaftsstarken EU-Ländern brauchen. Noch gespaltener als bei der Zuwanderung von Menschen aus anderen EU-Staaten sind die Bevölkerungen Europas hinsichtlich Migration von außerhalb Europas. Dies hat die Flüchtlingswanderung der vergangenen Jahre einmal mehr verdeutlicht; insbesondere im Osten Europas lehnen viele Menschen mehr Zuwanderung ab. Größere Offenheit bringen die Menschen in Skandinavien und Deutschland mit. Doch auch hier zählt das nicht für die gesamte Einwohnerschaft. Grundsätzlich zeigt sich bei der Einstellung zur Migration das bekannte Schema, dass die Ressentiments dort am größten sind, wo am wenigsten Migranten leben. In vielen EU-Staaten ist etwa jeder fünfte Einwohner im Ausland zur Welt gekommen. Den höchsten Migrantenanteil verzeichnet die Schweiz. Im Osten Europas leben dagegen historisch bedingt nur wenige Einwanderer. Dabei benötigen gerade diese Länder langfristig Zuwanderer, wenn sie ihre Wirtschaftskraft erhalten oder gar ausbauen wollen. In Tschechien herrscht schon heute fast Vollbeschäftigung, wodurch es für Arbeitgeber immer schwerer wird, geeignetes Personal zu finden. Damit Zuwanderung auch ökonomisch erfolgreich wird, kommt es vor allem darauf an, für eine reibungslose Integration in den Arbeitsmarkt zu sorgen. Das ist bisher nicht sonderlich gut gelungen; fast überall liegt die Arbeitslosigkeit unter Zugezogenen höher als unter Einheimischen. Gerade in den westeuropäischen Staaten, die schon Mitte des 20. Jahrhunderts auf angeworbene Arbeitskräfte setzten, ist das Missverhältnis enorm. In Schweden und Norwegen sind Migranten statistisch mehr als dreimal so oft arbeitslos wie Einheimische; nicht viel besser sieht es in der Schweiz, Belgien und Luxemburg aus.

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