Kommunikation

Gendern ohne gesunden Menschenverstand

Audi will mehr „Gendergerechtigkeit“ im Unternehmen. Ein Mitarbeiter fühlt sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt und zieht vor Gericht.

Audi will das Fließband abschaffen
Hat der Arbeitgeber das Recht Einfluss darauf zu nehmen, wie an der Werkbank gesprochen wird? Foto: Archiv-dpa

Wer keine Probleme hat, der schafft sich welche“, besagt ein Sprichwort; beim VW-Konzern könnte man ergänzen: „Wer bereits welche hat, der“, beziehungsweise gendergerecht „die oder das schafft sich gern noch mehr“ oder auch: „Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“ Für die VW-Tochter-, Sohn- oder Divers-Marke Audi soll die werbliche Ansage „Vorsprung durch Technik“ seit April 2021 durch das Motto „Vorsprung beginnt im Kopf“ fundiert und arrondiert werden. Als hätte der Autobauer nicht schon alle Hände voll zu tun mit den Folgen von Dieselgate und dem in Deutschland ausgerufenen Ende der Verbrennungsmotoren sowie dem Umstieg auf Elektromobilität, weist das Unternehmen in einer dreizehnseitigen Broschüre seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder noch korrekter „Mitarbeitenden“ an, der Gendergerechtigkeit als „Ausdruck einer Haltung gegen Diskriminierung und für Vielfalt“ einen umfänglichen sprachlichen „Respekt“ zu erweisen.

Klage gegen Schikane

Gegen diese Art von als Gängelung empfundener Schikane will ein Mitarbeitender „Audianer“ im nun offiziell betitelten Arbeitskollektiv der „Audianer*innen“ beim Landgericht Ingolstadt gerichtlich vorgehen. Der Kläger fühlt sich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt. Seine Anwälte argumentieren, dass durch den sog. „Gender_Gap“ falsche Wortstämme mit weiblichen Endungen zusammengeführt und so nicht mehr Geschlechtergerechtigkeit, sondern das Gegenteil davon bewirkt werde. Der „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) unterstützt den Kläger; sein Vorsitzender, der Ökonom und Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik Walter Krämer, wirft Audi vor, bei der Ausarbeitung des Gender-Leitfadens „nicht den gesunden Menschenverstand eingeschaltet“ zu haben.

Aber nicht nur bei Konservativen regt sich Widerstand gegen eine verordnete Verballhornung der gewachsenen Sprache. Auch Mitglieder einer liberal geprägten Regierung wie der französische Bildungsminister und Rechtsprofessor Jean-Michel Blanquer machen Front gegen die Gender-Sprache. An französischen Schulen ist nun per Erlass verboten, was Audi an seinen oder ihren Werkbänken gerade erst arbeitsrechtlich verordnen will: Die Nutzung der Gendersprache. Die Pünktchenwörter mit Doppelpunkten in der Mitte seien zu komplex und behinderten das Lesen und Erlernen der französischen Sprache, befand Blanquer. Und der französische Premierminister Édouard Philippe hat seine Beamten aufgefordert, die hierzulande gerade beim „Deutschlandfunk“ und anderen Institutionen Einzug haltende Pünktchensprache und andere sogenannte inklusive Formen in offiziellen Texten nicht mehr zu benutzen.

Jakobinischer Eifer

Auch ein Gros der deutschen Dichter:innen und Literat:innen fühlt sich von der neuen jakobinischen Sprachpolizei bevormundet. Reiner Kunze, einer der feinfühligsten Lyriker:innen und Sprachkünstler:innen unserer Tage, bringt es auf den Punkt: „Der Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie, die sich gegen die deutsche Sprache, Kultur und das weltliterarische Erbe richtet, dass aus dieser Kultur hervorgegangen ist.“ Dem Lessing- und Deutschem Literatur- und Kultur-Preisträger ist klar: Schon Goethe hätte sein sprachliches Gipfel-Gedicht im Jahre 1780 mit der Titel-Zeile „Über allen Gipfeln ist Ruh‘“ nicht als „Wandrers Nachtlied“, sondern gendergerecht als „Wandrer*innens Nachtlied“ betiteln müssen.

Doch die angeblich geschlechtergerechte Sprache unterliegt nicht nur dem Irrtum eines angeblich generellen Zusammenhangs zwischen einem natürlichen und einem grammatikalischen Geschlecht. Der Ingenieur Johannes W.M. Braun macht darauf aufmerksam, dass „der Löwe, die Giraffe und das Pferd“ generisch für die jeweilige Tierart stehen, ohne dass dies die Sprachpolizist*innen bislang gestört hat. Und auch rein maskulin ist von dem „Sexualstraftäter“ oder dem „Pädophilen“ und „Päderasten“ als kriminellem Täter die Rede. Solche Inkonsequenz findet sich im Gender-Sprachgewirr aller Orten; zu Recht weist Braun darauf hin, dass es „konsequenterweise auch ,Bürgerinnen- und Bürgermeister‘“ oder auch „Einwohnerinnen- und Einwohnermeldeamt“ heißen müsste. Und in der Fernsehwerbung bekämen wir täglich dutzendfach zu hören, dass wir uns „über Risiken und Nebenwirkungen“ von Arzneimitteln bei unserem „Arzt oder Apotheker“ informieren sollten.

Das dritte Geschlecht

Vor Gericht und auf hoher See, so heißt es, sei man in Gottes Hand. Das wurde erneut deutlich, als das Bundesverfassungsgericht 2017 dem Gesetzgeber aufgab, für Menschen, deren Geschlecht weder eindeutig „männlich“ noch „weiblich“ sei, das sogenannte dritte Geschlecht „divers“ in das Geburtsregister eintragen zu lassen. Doch ob ein „Arbeitgebender“ in eine von ihm oder ihr nicht produzierte Sprachkultur mit binären und nicht-binären Geschlechtern mit unter Anderem Agender, Neutrois, androgyn, Mixed-Gender, genderfluid, Bigender, genderqueer, Demi-Boys und Demi-Girls per Arbeitsrecht eingreifen und regulierend wirken darf oder gar sollte, das könnte ein Auswuchs von bestenfalls Verirrung und Verwirrung und schlechtestenfalls Größenwahn sein. So unüberschaubar und diffus mittlerweile die Zahl und Art der biologischen und gesellschaftlichen Geschlechteridentitäten und ihrer sozialen Dimensionen ist, so unscheinbar klein ist ihre Relevanz. Bis Ende September 2020 hatten laut einer Umfrage des Bundesinnenministeriums in allen 16 Bundesländern insgesamt nur 394 Personen den Eintrag „divers“ nach eigener Wahl erhalten; die Häufigkeit eines uneindeutigen Genitales bei der Geburt wird auf etwa 1 : 4 500 bis 5 : 5 500 geschätzt, die Zahl der intergeschlechtlichen Personen in Deutschland auf etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung oder 0,007 Prozent der Neugeborenen.

Die Wirtschaft hat andere Sorgen

Dass Sexismus, Diskriminierung von Frauen und jegliche Art von Mobbing auf allen Ebenen der Gesellschaft bekämpft werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit und Ausfluss der allgemeinen Menschenwürde. Hier gibt es auch in der Wirtschaft noch viel zu tun. Darauf und auf die Entwicklung neuer Antriebstechnologien sollte Audi sich ganz unabhängig vom Ausgang des Ingolstädter Gerichtsverfahrens konzentrieren. Mag Audi der französischen Konkurrenz technologisch auch überlegen sein – was die Sprache anbetrifft, muss am deutschen Wesen die Kultur nicht genesen. Wir dürfen den Franzosen vertrauen: Die Jakobiner waren Irrlehrer.

Der Autor ist Rechtsanwalt, Politik- und Unternehmensberater und Vorsitzender des „Bundes Katholischer Unternehmer“ (BKU) der Diözesangruppe Berlin-Brandenburg im Erzbistum Berlin.

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