„Fufi“-Alarm bei den Maltesern

Verkürzung des Zivildienstes stellt Hilfsdienste vor große Probleme von Constanze von Hoensbroech

Bonn (DT) Daniel Anton hat es sich gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht und den Fernseher angeschaltet. Da klingelt sein Handy. Schon wieder ein Notfall. In den Worten der Einsatzzentrale heißt das nur: „Fufi-Alarm bei Frau Maria Behrlen (Name geändert). „Bin schon unterwegs“, antwortet der 19-Jährige. Er schaltet den Fernseher aus und greift zur Krankenakte der genannten Person: Apoplex (Schlaganfall), schlechtes Gehvermögen, Hörgerät, gutes Sehvermögen und normaler Blutdruck.

Anton ist Zivildienstleistender beim Malteser Hausnotruf in Bonn. Der junge Mann hat Bereitschaftsdienst. Wenn ein Patient den sogenannten „Funkfinger“ – ein Armband mit Knopf, kurz „Fufi“ – drückt, wird ein Sprechkontakt zu der Hauptzentrale der Malteser hergestellt. Je nach Wunsch des Patienten informiert die dann Angehörige, den Hausarzt oder einen Malteser.

Rund 2 000 Kunden sind im Verzeichnis der Malteser Hausnotrufzentrale in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis aufgeführt. Alle können rund um die Uhr vom „Fufi“ Gebrauch machen, wenn sie aus dem Bett gefallen sind, Schmerzen haben oder ihre Medikamente nicht einnehmen können. Dann ist jemand wie Anton in Alarmbereitschaft und fährt zum Patienten nach Hause.

Auch Simon Klemp arbeitet als „Zivi“ beim Hausnotruf. Heute hat er Fahrdienst. Er holt Patienten von zu Hause ab und fährt sie in die Tagesklinik. „Schauen Sie, ich bin ganz allein zum Auto gegangen“, strahlt Anna W. den jungen Mann an, als er die 84-Jährige von ihrer Wohnung abholt. „Ich bin stolz auf Sie. Wenn es einen Orden dafür gäbe, würden Sie ihn bekommen“, erwidert Klemp fröhlich und hilft der alten Dame in den Kleinbus. Klemp arbeitet seit vier Monaten bei den Maltesern. Diese Zeit brauchte er, um Sicherheit zu gewinnen. „Ich habe erst jetzt langsam das Gefühl, einen guten Job zu machen.“

Simon Klemp ist einer von 39 450 Zivis in Deutschland. Davon arbeiten rund 1 000 junge Männer in 150 Malteser-Dienststellen wie etwa in Altersheimen, Krankenhäusern oder Behinderteneinrichtungen. Bisher waren sie neun Monate im Dienste der Menschen aktiv. Doch der Bundestag hat im Juni das Wehrrechtsänderungsgesetz beschlossen. Damit wird der Zivil- und Wehrdienst ab dem 1. Juli 2010 auf sechs Monate verkürzt.

Was bedeutet das für Einrichtungen wie den Malteser Hausnotruf, der auf Zivildienstleistende angewiesen ist? „Das große Problem ist, dass wir keine Planungssicherheit haben. Außerdem steht die intensive und kostspielige Einarbeitungszeit der Zivis in keinem Verhältnis zu den kurzen sechs Monaten“, erklärt Ruth Horn-Busch, Leiterin Soziale Dienste der Bonner Malteser. Was noch hinzukommt: „Vielen Patienten fällt es schwer, sich an neue Gesichter zu gewöhnen und Vertrauen zu fassen.“ Die 51-Jährige arbeitet seit 1986 bei den Maltesern und hat alle Kürzungen miterlebt. Damals dauerte der Zivildienst 20 Monate, dann 15, später 13, elf, zehn, neun und ab 2010 nur noch sechs Monate. Deswegen geht sie davon aus, dass der Zivildienst „in Zukunft ganz abgeschafft wird“.

Soweit ist es jedoch noch nicht. Trotz der Verkürzung gibt es für die Zivis die Möglichkeit, ihren Dienst freiwillig um mindestens drei und höchstens sechs Monate zu verlängern. Der Deutsche Caritasverband (DCV) begrüßte die von der Bundesregierung getroffene Entscheidung: „Dies gibt den jungen Männern die Möglichkeit, biografische Lücken zu schließen und andere Lebenswelten kennenzulernen“, hebt Caritas-Präsident Peter Neher hervor.

Von den Erfahrungen in der neuen Lebenswelt hat auch Daniel Anton profitiert: „Die gute Position, in der ich bin, ist nicht selbstverständlich. Durch meine Arbeit habe ich einen anderen Bezug zu kranken Menschen bekommen“, sagt er. Anton entschied sich bewusst gegen den Wehrdienst, weil er das Gefühl hat, mit seinem Einsatz bei den Maltesern der Gesellschaft besser helfen zu können. Seine Antwort auf eine gesetzliche Verkürzung des Zivildienstes wäre deshalb eindeutig gewesen: „Ich hätte verlängert und hoffe, dass viele Zivis davon Gebrauch machen werden. Nur so kann die Qualität des Zivildienstes erhalten bleiben.“

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist zuversichtlich und schätzt, dass etwa ein Drittel der Zivildienstleistenden verlängern wird. Darauf können sich aber die Einrichtungen nicht verlassen. Seit kurzem hat daher der Malteser Hausnotruf immer mehr Mini-Jobber und studentische Hilfskräfte eingestellt. „Die bleiben uns im Schnitt drei bis vier Jahre erhalten“, erläutert Antons Vorgesetzte, Ruth Horn-Busch.

Trotzdem versucht der Malteser Hilfsdienst, auch in Zukunft nicht auf die Zivis zu verzichten. Horn-Busch betont: „Durch den Zivildienst haben die Jungs eine Erfahrung gemacht, die sie sonst nicht hätten. Sie reifen in ihrer Entwicklung und erhalten einen anderen Blick auf soziale Themen.“

Themen & Autoren

Kirche