Freiburg i.Br.

Für eine gerechte Ordnung

Constantin von Dietze war eine prägende Figur des Freiburger Kreises. Teil XX der christlichen Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft.

Dunkle Wolken über Brandenburg
Der Schwerpunkt Constantin von Dietzes lag auf der Agrarpolitik. Foto: dpa

Zu den führenden Köpfen jener Gruppe von Professoren an der Universität Freiburg, die in den 1940er Jahren in enger Abstimmung mit dem Kreisauer Kreis des Grafen Moltke Überlegungen für die wirtschaftliche und soziale Zukunft Deutschlands nach dem Krieg anstellen, gehört Constantin von Dietze. Den evangelischen Christen, während des Nationalsozialismus Mitglied der „Bekennenden Kirche“, wird seine sinngemäße Aussage vor dem Volksgerichtshof, er stelle die Gebote Gottes über die Regeln des Unrechtsstaates, gegen Ende der NS-Herrschaft fast das Leben kosten.

Constantin von Dietze wird 1891 auf einem sächsischen Landgut geboren. Nach dem Abitur studiert er Rechtswissenschaft in Tübingen, Halle und Cambridge. Der Weltkriegsteilnehmer wird als Kriegsgefangener nach Sibirien deportiert, wo er nicht nur Russisch lernt, sondern auch Gelegenheit hat, sich mit ökonomischer und agrarwissenschaftlicher Literatur zu beschäftigen, was für seinen späteren Berufsweg prägend sein wird.

Promovierter Volkswirt im Konflikt mit dem Nazi-Regime

Dietze entkommt aus dem Lager; auf dem Fluchtweg lernt er seinen späteren Mentor Max Sering kennen, einen Agrarökonomen. Dem Rat Serings folgend, promoviert von Dietze in Volkswirtschaft und untersucht in seiner Dissertation die russische Agrarreform vor 1911, die privaten Landbesitz für Kleinbauern und die Bildung von Genossenschaften ermöglicht. Sering holt ihn anschließend an sein Agrarinstitut in Berlin, wo von Dietze sich habilitiert. Nach Stationen in Göttingen, Rostock und Jena kehrt er nach Berlin zurück, nunmehr als Nachfolger seines Förderers Sering.

Stets in der Annahme, mit seiner Expertise zur Verbesserung der Politik beitragen zu können, hindert Constantin von Dietze grundsätzliche Kritik am System Anfang 1933 nicht, Gesprächskontakte in Regierungskreise zu pflegen. Trotz interner Auseinandersetzungen in Berlin, die neue Universitätsverfassung betreffend, gehört von Dietze zusammen mit Sering zu den Fachleuten, die das Ernährungsministerium bei einer Novelle des landwirtschaftlichen Erbrechts beraten. Nachdem er den geänderten Entwurf öffentlich und vorsichtig positiv diskutiert, muss er hernach feststellen, dass im endgültigen Gesetz etwas völlig anderes steht. Denkschriften und Gespräche anschließend bleiben ohne Erfolg. Der Konflikt hat Folgen. Zunächst versucht das Regime, von Dietzes Institut die finanzielle Grundlage zu entziehen, dann betreibt man seine Versetzung. 1935 tritt Constantin von Dietze an die Spitze des renommierten „Vereins für Socialpolitik“. Unüberbrückbare inhaltliche Differenzen mit den Machthabern sind ursächlich, dass von Dietze den Verein letztlich selbst auflöst.

Pläne für die Zeit nach dem Krieg

Er folgt einem Ruf an die Universität Freiburg. In der „Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“ arbeitet er mit Walter Eucken und Adolf Lampe, in enger Abstimmung mit dem Goerdeler-Kreis, an einer Wirtschafts- und Sozialordnung für die Nachkriegszeit: die christliche Ethik müsse das Gebot des Rechtshandelns, die Idee der Gerechtigkeit als dauernde Aufgabe des Menschen in der Verantwortung vor dem lebendigen Gott darstellen. Nach Kriegsende wird er 1947 bilanzieren: „Sozialpolitik darf, um ihren Namen zu rechtfertigen, sich nicht auf zusammenhanglose Fürsorgemaßnahmen beschränken; sie muss die gesamte Societas festigen und ständig im Einklang mit den Grundsätzen der Gesamtwirtschaftsordnung stehen.“

Der agrarpolitische Teil der Schrift trägt wesentlich die Handschrift Constantin von Dietzes: Landwirtschaftspolitik müsse sich primär an der sozialen und kulturellen Situation der Menschen auf dem Land orientieren. Den obersten wirtschaftlichen Stellen komme zwar grundsätzlich eine Steuerungsmöglichkeit zu, die Interventionen in Anbau und Verteilung seien aber auf ein Mindestmaß zu beschränken. Ziel sei dabei eine möglichst hohe Anzahl selbstständiger Betriebe auf dem Land mit abgesicherten Eigentumsrechten.

Sein Glaube gab ihm die Kraft zu überleben

Dietze stellt damit einerseits auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Doktorarbeit und andererseits auf seine politischen Erfahrungen in den Auseinandersetzungen um die Wiedereinführung von Schutzzöllen bereits während der 1920er Jahre und den Konflikt mit Reichsernährungsminister Walther Darré bei der Schaffung des „Reichsnährstandes“ ab. So schreibt er 1943: „Die deutsche Agrarpreispolitik muss sich in den Grenzen halten, die mit der Wettbewerbsordnung verträglich sind.“ Die Herauslösung der gesamten oder von Teilen der landwirtschaftlichen Erzeugung aus der Wettbewerbsordnung führe, so von Dietze sinngemäß, die Ordnung selbst ad absurdum.

Teile der Manuskripte, die die Freiburger Ökonomen anfertigen, werden im Nachgang zum gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo beschlagnahmt, von Dietze verhaftet; mehrere Monate erlebt er unter Verhören und Folter in einem Berliner Gefängnis und im Konzentrationslager Ravensbrück. Er wird später sagen, nur sein tiefer Glaube habe ihm die Kraft gegeben, dies zu überstehen. Dass er überlebt, ist vermutlich nur dem Zufall zuzuschreiben, dass durch den Tod Roland Freisler das feststehende Todesurteil nicht mehr vollstreckt werden kann.

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