Finanzmärkte in schweren Nöten

Die Lage des internationalen Finanzsystems ist so dramatisch wie zuletzt vor 80 Jahren, als der „Schwarze Freitag“ die Wirtschaft ausbremste

Die Dummheit, einer pleitegegangenen Bank noch rasch mehr als eine halbe Milliarde Euro nachzuwerfen, lässt sich schwer übertreffen. Wer am vergangenen Wochenende einmal Nachrichten gehört oder gesehen hatte, dem hätte klar sein müssen, dass die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers am Ende war – mindestens seit sich die amerikanische Regierung geweigert hatte, dem Unternehmen, das seine Gewinne vor allem durch riskante Spekulationen erzielt hatte, bei seinen Verlusten unter die Arme zu greifen. Maßgebliche Mitarbeiter der Kreditanstalt für Wiederaufbau hatten offensichtlich von den neuesten Nachrichten keine Notiz genommen: Am Tag des Insolvenzantrags von Lehman Brothers überwies die Kreditanstalt für Wiederaufbau 350 Millionen Euro an die zusammengebrochene US-Investmentbank, hinzu kamen 186 Millionen Euro aus weiteren Geschäften – eine teure, blamable Panne, die ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums am Donnerstag auf einer Sitzung des Verwaltungsrates der KfW grob untertreibend als „technischen Fehler“ bezeichnete. Zwei Vorstandsmitgliedern und einem Bereichsleiter wird dieser „technische Fehler“ den Job kosten.

Gemessen an der Krise des internationalen Finanzsystems ist der Skandal um die KfW nur eine Episode. Sie zeigt aber drastisch, wie fahrlässig die Akteure im Finanzsektor ihre Verantwortung wahrnehmen – das überforderte Bank-Management ebenso wie die Kontrolleure in den Aufsichtsräten, oft genug Politiker, die ihre Altersbezüge etwas aufstocken. Die Lage des internationalen Finanzsystems ist so dramatisch wie zuletzt vor 80 Jahren, als der „Schwarze Freitag“ die Wirtschaft ausbremste und eine Massenarbeitslosigkeit erzeugte, wie es sie bis dahin nicht gegeben hatte.

Horrorszenario Dominoeffekt

Den Finanzmärkten droht der „Domino-Effekt“: Dabei geraten Banken und Versicherungen ins Schwanken und bringen sich gegenseitig zu Fall – wie eine Reihe Dominosteine. Selbst wenn einzelne Geldhäuser für sich gesehen gut dastehen, könnten sie Opfer dieser Kettenreaktion werden. Denn viele Banken und Versicherungen sichern ihre Risiken gegenseitig ab. Wenn aber ein Partner ausfällt, geht ein Teil dieser Absicherung verloren. Folglich müssen Banken und Versicherungen ihr Risiko bei einem anderen Partner rückversichern. Wenn es aber keinen Partner gibt, der zu akzeptablen Preisen das Risiko übernehmen will, ist die Bank gezwungen, mit ihrem eigenen Kapital zu bürgen. An dieser Stelle wird die Krise der Finanzmärkte zu einer Krise, die die ganze Wirtschaft erschüttert. Wenn Banken aus Angst vor dem Risiko ihr Geld horten, steigen die Zinsen. Die Unternehmenskredite verteuern sich, für Unternehmen wird es immer schwieriger, zu investieren. Das Wachstum bricht ein, die Wirtschaft schlingert in den Abschwung.

Dieses Horror-Szenario hat mit der Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten begonnen. Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen konnten die Kredite für ihre Häuser nicht mehr bedienen, Tausende mussten ihre Häuser verkaufen, die Preise für Immobilien sanken, Banken blieben auf unverkäuflichen Häusern und faulen Krediten sitzen und versuchten diese Kredite paketweise zu veräußern. Damit zog die Krise weitere Kreise und ist inzwischen so dramatisch geworden, dass die amerikanische Regierung den einzigen Ausweg in massiven Stützungsaktionen und Verstaatlichungen sucht. Anfang September übernahm sie die Kontrolle bei den Hypothekenfinanzieren Fannie Mae und Freddie Mac. Washington ging es um den Schutz der einfachen Hausbesitzer. Anders bei Lehman Brothers: Dieses Unternehmen hatte seine Gewinne vor allem in riskanten Spekulationsgeschäften erzielt. Hätte die amerikanische Regierung hier Stützungen vorgenommen, hätte sie zum Handel mit riskanten Papieren weiter ermutigt und die Finanzmärkte weiter gefährdet.

Aber weshalb hat die amerikanische Regierung den ins Schlingern geratenen Versicherungsriesen AIG verstaatlicht? Weil dieser Konzern mit einem Geschäft eine Schlüsselrolle auf dem Weltfinanzmarkt einnimmt: Mit Versicherungen gegen Zahlungsausfälle auf Anleihen. Anleihen sind eines der wichtigsten Geldbeschaffungsinstrumente für Konzerne und Staaten. Solange die Weltwirtschaft wächst und Firmenpleiten selten sind, ist diese Versicherung gegen Zahlungsausfälle ein sicheres Geschäft. Wendet sich das Blatt aber, und dazu könnte es derzeit kommen, dann werden bei immer mehr Konkursen auch immer mehr Versicherungszahlungen fällig. Wenn AIG zahlungsunfähig wird, stehen die großen Käufer der Anleihen – Finanzinvestoren, Banken und Fonds, China und die Ölstaaten – plötzlich ohne Versicherungsschutz da. Es käme zum Domino-Effekt. Deshalb musste die amerikanische Regierung AIG verstaatlichen und dem Konzern einen Notkredit von 85 Milliarden Dollar einräumen. Es ging darum, das Überleben des weltweiten Finanzsystems zu sichern.

Nach der Weltschuldenkrise von 1982, der US-Sparkassenkrise Ende der achtziger Jahre und der Bankenkrise 1997 in Südostasien ist dies, in der Folge der amerikanischen Immobilienkrise, schon die vierte große Bankenkrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Tatsache lässt auf Versäumnisse und Versagen der Marktteilnehmer schließen: Offensichtlich sehen Banker und Versicherer nicht genug Anreiz, Krisen zu vermeiden.

Pokerspiel der Großbanken

Weil sie in der Vergangenheit sicher sein konnten, dass ihnen der Staat, wenn nötig, aus der Bredouille half, nahmen Banken übermäßige Anlagerisiken in Kauf. Dies war etwa bei der amerikanischen Sparkassenkrise Ende der achtziger Jahre der Fall, als Washington explizit für die Sicherheit der Einlagen bürgte. Ohne ihre Anleger zu verschrecken, konnten die Banken übermäßig riskante Projekte übernehmen, der Staat stand schließlich zur Kreditsicherung bereit.

Ähnlich versuchten die Banken bei der Immobilienkrise zu pokern: Angesichts ihrer Größe und des finanziellen Schadens, den ihr Konkurs ausgelöst hätte, spekulierten sie darauf, dass es sich der Staat einfach nicht leisten könne, sie im Stich zu lassen. Die Rechnung ging auf: Die englische Zentralbank stützte die Großbank Northern Rock, die amerikanische Notenbank kam Bear Stearns mit 30 Milliarden Dollar zu Hilfe. Erst jetzt, nach der Pleite von Lehman Brothers, lässt die US-Regierung erkennen, dass sie ihren Banken nicht unbegrenzt Bürgschaften und Stützungen einräumen will. Vielleicht hatte die Überweisung der Kreditanstalt für Wiederaufbau an Lehman Brothers ihren Grund auch darin, dass man in Deutschland einfach nicht glauben wollte, dass die amerikanische Regierung eine Großbank preisgeben würde.

Wenn die amerikanische Notenbank die Finanzmärkte jetzt massiv stützt, täuscht das nicht darüber hinweg, dass sich die US-Großbanken künftig nicht mehr ohne weiteres auf staatliche Hilfe verlassen können. Haben sie bisher Wertpapiere mit Portfolios unterlegt, die neben sicheren auch riskante Anlagewerte aus den unsicheren Immobilienkrediten enthalten, tun sie gut daran, diese Anlagen abzuschreiben. Dass es die Notenbanken einiges kosten wird, die Finanzmärkte wieder zu stabilisieren, ist offensichtlich. Zugleich kommt es darauf an, die Finanzmärkte stärker zu kontrollieren und zu regulieren. Vor dem Hintergrund der Globalisierung und weltweit vernetzter Finanzmärkte können die einzelnen Staaten dies nur schwerlich leisten. Der Internationale Währungsfonds, die G8 oder eine gemeinsame amerikanisch-europäische Institution wären geeignete Foren, um die Effizienz und Stabilität der Weltwirtschaft zu stärken.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier