Finanz- und Wirtschaftskrise: Alle reden vom Umdenken, aber wo fangen wir an?

Von Geiz und Verschwendung: Wirtschaftsethik braucht Herzensethik – Auf rechtes Maß und persönliche Tugend kann keine Gesellschaft verzichten

Ein Blick auf das Laster des Geizes wie auch der genau entgegengesetzten Haltung der haltlosen Verschwendung zeigt, wie schwierig es ist, von einer äußeren Tat auf eine innere Haltung, auf die Motivation schließen zu wollen. Bei Plato und in der Stoa werden Geiz und Habsucht sowohl als soziales Vergehen (weil damit der naturhaften Gleichheit aller Menschen widersprochen wird) wie auch als seelischer Defekt verurteilt, der geradezu die Ursünde und damit eine ständige Quelle des unglücklichen Lebens bildet. Auch im Alten Testament verurteilen die Propheten die brutale und menschenverachtende Habsucht der Reichen, die den sozial Schwächeren (in der damaligen Welt besonders Witwen und Waisen) ausbeuten. Im Neuen Testament und beim Apostel Paulus wendet sich das Interesse mehr der inneren Haltung des Geizes und der Habgier zu: Der Mensch soll sich nicht nutzlose Schätze sammeln, ein Raub von Rost und Motte, sondern sich um bleibende, geistige Schätze mühen.

Damit rückt der innerste und sündhafte Kern des Geizes in den Blick, und diese Sicht ist aktueller denn je: Im Kern ist der Geiz eine narzisstische Haltung der Selbstbezogenheit und der Raffgier, die im Menschen nur Sachobjekte und in den Dingen nur Instrumente der gesteigerten Selbstbedeutung zu sehen vermag. Alles hat nur noch einen Preis und wird verwertet; von Würde und Unantastbarkeit und wertloser Schönheit keine Spur. Das ist das ethische Problem des Geizes, das sich in der Habsucht in schonungsloser Offenheit manifestiert: Mensch und Umwelt werden nur noch als Gewinnobjekte verzweckt, das Individuum vereinsamt und wird zunehmend auf sich selbst und die selbst hergestellten Gratifikationen zurückgeworfen. Das Leben verödet, weil es reich wird an Dingen, aber arm an Menschen.

Die moraltheologische Tradition sieht in der Freigebigkeit und in der Großherzigkeit das Gegenbild zum Geiz und zur Verschwendungssucht, da sie die Mitte hält und damit das rechte Maß. Das klang ähnlich in der Rede der Kanzlerin am 27. November im Bundestag in Berlin an, als Angela Merkel für eine Politik des Maßes und der praktischen Vernunft plädierte. Maß ist seit griechischer Zeit die erste Definition jeder Tugend: die Mitte zwischen zwei Extremen.

Thomas von Aquin unterstreicht zusätzlich, die Freigebigkeit sei mehr der Gerechtigkeit als der Liebe verwandt, da sie das Recht der anderen Menschen auf Lebenserhaltung und (neuzeitlich gesprochen) auf Lebensentfaltung berücksichtigt. Den Geiz aber zählt der heilige Thomas zu den Todsünden, und zwar deswegen, weil er nicht nur eine ungeordnete Liebe zum Reichtum und damit zu vergänglichen Gütern sei, sondern weil der Geiz auch eine besondere Form des Diebstahles sei, insofern dem Mitmenschen lebensnotwendige Güter vorenthalten würden.

Insofern ist der Geiz in der Tat (wie auch seine nur scheinbar leichtlebigere Schwester, die Verschwendungssucht) eine todbringende Sünde, weil der Mensch vergisst, dass er nicht letzter Herr der Güter dieser Welt ist, sondern im Auftrag Gottes Sachwalter und Treuhänder dessen, was normalerweise Privateigentum genannt wird, aber in Wirklichkeit allen Menschen gehört. Damit aber kommt zugleich auch der öffentliche Charakter der nur scheinbar privaten Sünde des Geizes (und der Verschwendungssucht) in den Blick. Denn wenn jede Sünde eine Verletzung oder einen Defekt bedeutet, dann trifft eine solche Verletzung niemals nur den Menschen als Einzelwesen, sondern immer auch als in Solidarität mit anderen Menschen lebendes Sozialwesen.

Im „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ heißt es mit Blick auf den privaten wie öffentlichen Charakter jeder Sünde: „Das Geheimnis der Sünde besteht in einer doppelten Verletzung, die der Sünder sich selbst und seiner Beziehung zum Nächsten zufügt. Deshalb kann man von persönlicher und sozialer Sünde sprechen: Jede Sünde ist persönlich und sozial zugleich, weil sie stets auch gesellschaftliche Auswirkungen hat.“ Mit anderen Worten: Jede Person hat Verantwortung und Freiheit zum Guten. Und: Niemand steht einfach nur und gleichsam privat in Verantwortung vor Gott, sondern schuldet solche Verantwortung seiner Freiheit immer auch dem Mitmenschen. Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar verknüpft.

Insbesondere in der Auseinandersetzung mit der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiung“ hat das römische Lehramt und nicht zuletzt der damalige Kardinal Joseph Ratzinger immer wieder darauf hingewiesen, dass die letzte Wurzel des Bösen und der Sünde im menschlichen Herzen, im Denken und Fühlen eines Menschen zu suchen ist – und nicht zuerst in sündhaften Strukturen, wie uns marxistische und neomarxistische Gesellschaftsanalysen glauben machen wollen.

Bildung beginnt in der Familie, nicht in der Schule. Und: Vor der Ethik der Wirtschaft steht eine Bekehrung der Herzen – das Gute beginnt im Inneren des Menschen. Freilich ist jeder Mensch vielfältig eingebunden und eingeflochten in Umwelt und Sachzwang. Aber das entbindet ihn nicht, als Unternehmer und als Manager und als Arbeitnehmer, ständig und stets über schrittweise Verbesserungen der sozialen Welt und der ökonomischen Verhältnisse nachzusinnen und bei sich und der eigenen kleinen Welt anzufangen.

Geiz und Verschwendungssucht gibt es in Form der privaten wie auch der öffentlichen und damit der sozialen Sünde. Hier geht es dann um Verletzungen von Menschenrecht und Menschenwürde, wenn Solidarität und tätige Hilfe verweigert wird. Es handelt sich dann um Sünden gegen das Gemeinwohl und die Generationengerechtigkeit (etwa bei der Verschwendung von natürlichen Ressourcen oder der exorbitant hohen Staatsverschuldung), gegen das Lebensrecht und die Entfaltungsrechte von Personen (etwa bei der Steuerhinterziehung), um Sünden gegen die Freiheitsrechte anderer Menschen.

Persönliche Sünden vergiften auf Dauer ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Klima, Vertrauen schwindet, Argwohn wird zur beherrschenden Triebfeder. Wenn Unrecht nicht mehr als böse benannt wird, wenn Geiz oder Verschwendungssucht lediglich als besonders originelle oder exaltierte Formen der legitimen Selbstverwirklichung verstanden werden – dann hat das Böse sein Ziel erreicht und ein ethischer Damm ist gebrochen. Denn der Mensch ist weit mehr, als er verdient oder an Geld zusammenraffen könnte.

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