Eine systematische Geldvernichtung

Der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel prangert die Euro-Retter an. Von Robert Luchs

Nur in einem Punkt ist sich Hans-Olaf Henkel mit der Bundeskanzlerin einig: Beide sehen in naher Zukunft kein Ende der Euro-Schuldenkrise. Die Krise sei noch lange nicht ausgestanden, aber es gebe ohne Zweifel Fortschritte, „und die internationalen Investoren sehen sie“, sagte Angela Merkel (CDU) in einem Zeitungsinterview. Es sei überdies ein positives Signal, dass es bereits wieder leichtes Wachstum in der Eurozone gebe. Der ehemalige BDI-Chef Henkel hingegen warnt, die Rettung des Euro werde zum wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands führen.

Die am schwersten zu durchschauende Art, Menschen hinters Licht zu führen, bestehe in Gleichsetzungen, hält Henkel in seinem neuen Buch „Die Euro-Lügner“ fest. Dinge, die durchaus verschieden seien, würden so behandelt, als seien sie identisch. Das gleiche einem Taschenspielertrick, der die Menschen narrt. Eines der bekanntesten Zitate der Euro-Verteidigerin Angela Merkel lautet: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Damit habe sie den Euro mit Europa gleichgesetzt, was schon deswegen nicht stimme, weil nur 17 Länder den Euro als Währung haben – die Europäische Gemeinschaft aber aus 27 Ländern bestehe. Sollten diese alle scheitern, wenn der Euro aufgegeben würde?

Für Euro-Verteidiger wie Merkel bilde dieser Glaube die Grundlage für alle weiteren Argumente und Rettungsschirme, übt Henkel Kritik. Schon der Blick auf die Landkarte zeige jedoch, was für eine absurde Vorstellung das sei. Das Raffinierte an den Euro-Lügen bestehe darin, meint Henkel, dass man sie nicht als solche erkennen könne. Sie klängen, als wären sie unbestreitbare Wahrheiten, zumal wenn sie von Autoritäten wie der Bundeskanzlerin oder dem Euro-Gruppen-Chef ausgesprochen werden und der Bundestag, mit Ausnahme der Linken, den Rettungspaketen zustimme. Eine andere Gleichsetzung, die häufig angewandt werde, um dem Bürger blauen Dunst vorzumachen, setze die Euro-Zone mit dem Binnenmarkt gleich. Nur weil wir den Euro haben, so wird suggeriert, haben wir einen so gut funktionierenden europäischen Waren- und Dienstleistungsaustausch. Henkel widerspricht der These und erinnert daran, dass es den europäischen Binnenmarkt schon seit 1992 gibt.

Dass der Euro nicht mit dem erfolgreichen Binnenmarkt identisch sei, lasse sich schon daran erkennen, dass die Deutschen genauso gut in die Nicht-Euroländer Dänemark, Polen oder Schweden exportieren können wie in die Euroländer Zypern oder Portugal. Henkel, der an der Universität Mannheim „Internationales Management in einer globalisierten Welt“ lehrt, bringt es auf den Punkt: „Seit Einführung des Euro hat Deutschland massiv Kapital in andere europäische Länder exportiert und für deren Wachstum gesorgt. Dafür importiert Deutschland die Inflation und sorgt so für unsere eigene Schwächung“.

Auch Professor Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut hat nachgewiesen, dass die deutsche Wirtschaft seit Einführung des Euro im Vergleich zu anderen Euro-Ländern viel langsamer gewachsen ist – weil durch die Einheitswährung die Zinsen für geliehenes Geld aus deutscher Sicht viel zu hoch, für die Südländer viel zu niedrig waren. Das heißt, durch eine falsche Zinssteuerung wurde die Konjunktur im Süden Europas künstlich aufgeheizt, während sie in Deutschland ausgebremst wurde.

Henkel verdeutlicht anhand der jüngsten Sparpolitik, dass wir uns bereits in einer Phase systematischer Geldvernichtung befinden; nehme man das Geldvermögen der Bundesbürger, seien davon fast drei Billionen in zinsabhängigen Papieren festgelegt. Wird der Zins nur um einen einzigen Prozentpunkt gesenkt, entgehen dem Sparer damit schon gut 30 Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr. Henkel räumt ein, selbst nicht zu wissen, wie man aus dieser Klemme herauskommen könnte. Es sei denn, man löse den Euro, so wie er es vorschlägt, in zwei unterschiedlich starke Blöcke auf.

Die südlichen Länder, so analysiert Henkel, sitzen in der Rezessionsfalle und können ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr durch Abwertung ihrer Währung herstellen. Auf der anderen Seite werden die nördlichen Länder gedrängt, „ihre Werte klugen politischen Handelns“ zu kompromittieren, und dienen dem Süden als Selbstbedienungstöpfe. Dadurch riskiere man den Ausbruch sozialer Unruhen in Südeuropa und untergrabe im nördlichen Europa die öffentliche Zustimmung zur europäischen Integration.

Die größte Chance, die Europäische Union zu retten, liege in einer kontrollierten Aufteilung der Euro-Zone. Henkel plädiert für einen Nord-Euro, weil die deutschen Exporte dann einen auf dem Weltmarkt realistischen Preis erzielten und nicht mehr durch die Steuerzahler subventioniert werden müssten. Die Euro-Zone in ihrer heutigen Form aber könne nicht funktionieren; die Länder seien zu unterschiedlich, um sie in den Einheitszins der EZB zu pressen. Für Deutschland sei der Euro zu schwach, für die Krisenländer zu stark. Deshalb setzt sich Henkel dafür ein, die Währungsunion in einen Nord- und einen Südeuro aufzuteilen.

Hans-Olaf Henkel, Die Euro-Lügner –

Unsinnige Rettungspakete, vertuschte

Risiken – So werden wir getäuscht,

Wilhelm Heyne Verlag, München

272 Seiten, ISBN 978-3-453-20058-6,

EUR 19,99

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